Grußwort

Fenster sind bekanntlich die Augen des Hauses und die Augen sind die Fenster zur Seele, sagt man. Also sind die Fenster wohl die Augen zu den Seelen der Häuser…

Es gibt in Mitteleuropa eine jahrhundertealte Baukultur des Holzfensters, die Großartiges – von Kastanienholzprofilen in Südeuropa über eichene Kreuzstöcke des 17. Jahrhunderts in Mitteldeutschland bis hin zu den heute noch nach außen aufschlagenden Kiefernholzflügeln in Skandinavien – hervor gebracht hat. Die mannigfaltigen Zeugnisse dieser Kultur sind durchgängig bis in das zweite Drittel des 20. Jahrhunderts erhalten geblieben – in den Ländern, die am Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg noch nicht beteiligt waren, bis in die 90er Jahre –, dann jedoch innerhalb kürzester Zeit in ihrem Bestand erheblich reduziert worden, – in manchen Städten und Landschaften sogar nahezu flächendeckend verschwunden.

In Anbetracht erheblich gestiegener Komfortansprüche und immer höherer Anforderungen aus Wärme-, Schall- und Einbruchsschutz wurde die übergroße Mehrzahl der historischen Wohngebäudefenster ersetzt durch Standardkonstruktionen, zunächst mit übergroßen Flügeln, fehlenden oder nur noch imitierend aufgesetzten Sprossen, aus Tropenhölzern, Kunststoff, Aluminium oder Verbundmaterialien. Dies geschah auf brachiale Art und Weise, wodurch das Bild ganzer Innenstädte und Dörfer bis an die Grenze der Wiedererkennbarkeit entstellt wurde. Mit dem Erstarken des Denkmalschutzes und dem Angebot sensiblerer Alternativen ließ diese Entwicklung mit der Zeit wenigstens hinsichtlich ihrer Schärfe nach. Nach zahlreichen Urteilen über die Rechtmäßigkeit von Kunststofffenstern im Baudenkmal sind diese heute zumindest aus dem Einflussbereich der Denkmalpflege weitestgehend verbannt. Während auch neue Holzfenster um 1990 – nach einschlägiger Normung – den gestalterisch möglichst nahezukommenden historischen Vorbildern noch meist nur wenig ähnlich sahen, konnte man sich auf den Bau- und Denkmalmessen der Folgejahre doch von erkennbaren Fortschritten überzeugen: Die Profilbreiten wurden trotz der aufzunehmenden schweren Isolierglaselemente wieder schlanker, die Kämpfer und die Stulpe dadurch wieder schmaler, die verbleibenden Glasflächenanteile entsprechend größer und die Detailausbildung vom Karnies bis hin zum Mittelklotz dem Vorbild wieder ähnlicher. Dies war das Verdienst zahlreicher, vor allem kleiner und mittlerer Tischlereien und Spezialhersteller. Daran hat auch die Firma PaX einen großen Anteil.

Während Fassadenzüge, die (vor allem in den Altbundesländern) noch vor dieser Zeit saniert wurden, zumeist in ihren Fenstern enttäuschen (auch sind nicht alle attraktiven oder wertvollen Altbauten Kulturdenkmale und damit der Denkmalschutzgesetzgebung unterworfen), zeigen wenigstens die denkmalpflegerisch geprägten Sanierungsergebnisse seit den späten 90er Jahren wieder den gewohnten Feinsinn: originale Flügligkeiten, Feinsprossen und Wetterschenkel an den Drehflügeln in oft frappierender Ähnlichkeit zum Original.

Wir Denkmalpfleger bevorzugen bekanntlich das Letztere und müssen unsere Anstrengungen zukünftig auch mehr auf die Erhaltung der wenigen noch verbliebenen Reste richten. In kaum einer der in den letzten 20 Jahren durchsanierten historischen Altstädte in Mitteldeutschland gibt es heute noch eine nennenswerte Zahl erhaltener und aufgearbeiteter Originalfenster. Aber: Es gibt dort glücklicherweise ebenso wenig grobe, schlecht oder gar nicht gegliederte Neubaufenster! Und auch Kunststoff- oder Aluminiumfenster sucht man hier in der Regel vergebens. Auch das ist ein großer Erfolg! Weil auch ein intaktes Erscheinungsbild ein hoher denkmalpflegerischer Wert ist und weil in einer gerechten Interessenabwägung auch die Wünsche der Hauseigentümer und Mieter nach qualitätvollen, oberflächenwarmen und einbruchsicheren Fenstern Respekt und Berücksichtigung verdienen. Denkmalpflegerisches Tun erzeugt in der Zusammenführung eigener Ansprüche mit solchen funktioneller, konstruktiver und wirtschaftlicher Art Ergebnisse, die authentisch und dennoch gut nutzbar sind, in der Mehrzahl eben denkmalgerecht sanierte Häuser mit neuen, zumindest ihren Vorbildern ähnlichen Fenstern. Auch die spiegeln Seelen – und nicht die schlechtesten.

>Professor Dr. Rosemarie Pohlack | Sächsische Landeskonservatorin