Gekipptes Fenster in einem Fachwerkhaus

Die Entwicklung des Drehkippbeschlages

Seit Menschen Hütten und Häuser bewohnen, besteht auch der Wunsch, Luft und  Tageslicht in die Räumlichkeiten lassen. Im direkten Widerspruch dazu steht allerdings die Notwendigkeit, die hierzu notwendigen Maueröffnungen wieder fest verschließen zu können, um beispielsweise Regen und Kälte draußen zu lassen. Echte und zufriedenstellende Lösungen gab es lange Zeit nicht! Erst die Römer als die Erfinder der frühen Glastechnik brachten einen Werkstoff ins Spiel, mit dem sich dieser scheinbare Widerspruch überwinden ließ. Glas ließ sich im frühen Fensterbau verwenden, war jedoch nicht in bewegbaren Flügeln angebracht, sondern wurde direkt als feste Verglasung integriert. Die Öffnung war damit verschlossen. Tageslicht trat zwar ein, aber eine Belüftungsfunktion war nicht mehr gegeben.

Die Industrialisierung macht es möglich

Erst in der Zeit nach 1200 wurden erste Fenster gebaut, die beide Funktionen erfüllen konnten. Allerdings waren hier die beweglichen Flügel zunächst nicht verglast, denn Glas war lange Zeit ein echtes Luxusgut. Erst die industrielle Glasherstellung im 19. Jahrhundert sorgte für einen - wenn man so will - Durchbruch dieses Werkstoffes im Gebäudebau, denn Glas wurde somit auch für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich.
Unmittelbar damit verbunden ist auch die Entwicklung der Beschlagtechnik, denn in den Gebäuden wurden bereits Kipp-, Klapp- und auch Drehflügel verbaut. Allerdings waren diese Fensterelemente nur mit einfachen Scharnieren am Rahmen angebracht und  umständlich zu bedienen. Um 1873 wurden Treibriegel und Cremonen für Fenster noch aus Gusseisen gefertigt. Das Unternehmen Aubi stieg etwa zu dieser Zeit in die Produktion der aufliegenden Beschlagelemente ein.

fensterbediengriffe-aubi
Fensterbediengriffe gefertigt aus verschiedenen Werkstoffen

Aufwendiges Fensterkippen im 20. Jahrhundert

Der eigentliche Durchbruch auf dem Weg hin zu einer modernen und innovativen Beschlagtechnik kann auf den Beginn des 20. Jahrhunderts datiert werden. Die Entwicklung von Drehkippfenstern und -türen mit den entsprechenden Beschlägen setzte nahezu gleichzeitig in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein. Allerdings waren diese ersten echten Fensterbeschläge mit einem modernen Drehkippbeschlag aus heutiger Zeit nicht vergleichbar.

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Ein Fenster in der damaligen Zeit war vor allem dadurch gekennzeichnet, dass viele Riegel und Scharniere auf den Holzrahmen und –flügeln angebracht waren. Um ein Fenster zu öffnen und in eine bestimmte Kippstellung zu bringen waren noch viele Handgriffe nötig.
Die ersten Patente in der Beschlagtechnik sind auf das Jahr 1911 datiert. Schon damals hatten die im Wettbewerb stehenden Anbieter den Anspruch, alles patentieren zu lassen, was geschützt werden konnte. Damit sollte der technische Fortschritt zugleich dokumentiert und vor allem auch gesichert werden.

 

Patent Drehkippbeschlag
Das Patent zur Entwicklung des ersten Drehkippbeschlages

Jäger Frank entwickelt Einhand-Drehkippbeschlag

Auch das Unternehmen Siegenia fing in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, damals noch unter dem Namen Jäger Frank, mit der Produktion von Kleineisenwaren wie z. B. einfachen Schlossriegeln an. In dieser Zeit wurde beispielsweise der in der Mitte des Flügels angebrachte Fenstergriff entwickelt, mit dem sich mittels einer Drehbewegung ein Fenster öffnen oder verschließen ließ. Doch der Weg bis zum ersten richtigen Einhand-Drehkippbeschlag war immer noch weit. Als dessen Erfinder gilt Wilhelm Frank, der es 1937 schaffte, einen Beschlag zu konstruieren, bei dem alle zum Bedienen eines Flügels notwendigen Hebel über einen einzigen Hebel, der sogenannten Olive, gesteuert werden konnten.

Bis zu dem Zeitpunkt waren Fenster in Deutschland praktisch Einzelanfertigungen, hergestellt von spezialisierten Handwerkern. Der große Umbruch folgte erst nach dem 2. Weltkrieg. Deutschland war wie viele Teile Europas komplett zerstört. Massenhaft musste neuer Wohnraum geschaffen werden. Und neue Häuser brauchten Fenster mit entsprechender Beschlagtechnik. Durch diese rasante Nachfrage folgte zwangsläufig der Schritt in die industrielle Großserienfertigung. Auch Fragen wie die rationelle Herstellung und Verarbeitung der Beschlagprodukte rückten schon zu dieser Zeit in den Fokus der Betrachtung. Sämtliche Anbieter perfektionierten für den deutschen Markt den Drehkippbeschlag.

Der Siegenia Zugfrei Lüfter
Der Siegenia Zugfrei Lüfter

Ein Prinzip setzt sich durch

Trotzdem verlief die Entwicklungsgeschichte des Fensterbeschlags ab den 50er Jahren in Deutschland nicht nur in eine Richtung, auch wenn der Trend zum Drehkipp nicht mehr aufzuhalten war. Zu dieser Zeit wurden viele Fenster noch mit einfachen Drehpunktbauteilen für Klappflügel ausgestattet und besaßen zur Fixierung des Flügels simple Scheren. Die Klappstellung des Flügels erfolgte in der Regel nach außen und sogar ein nachträglicher Einbau dieser Teile war möglich.
Zugleich verfolgten die Hersteller das Ziel, die vielen „Einzelteile“ zur Bedienung eines Fensters in einen einzigen Beschlag zu integrieren.  
Genau in diese Zeit fällt die Entwicklung des ersten „reinen“ Fensterbeschlages bei Siegenia. Bei dem am 28.01.1951 mit der Druckschrift DE 1 559 905 A von der Jäger-Frank KG angemeldeten Gegenstand handelte es sich um ein Novum – ein Drehkippbeschlag, der mit einem einzigen Hebel betätigt werden konnte.
Bis der erste Drehkippbeschlag, der „SIEGENIA-Universal“, dann im größeren Stil in den Markt eingeführt wurde, vergingen nochmals drei Jahre. Bei dem ab 1954 hergestellten und gelieferten Produkt handelte sich um einen Beschlag mit seitlicher Kippstange. Die Besonderheit dieses Beschlags gegenüber den entsprechenden Wettbewerbsprodukten war die Möglichkeit des wahlweisen Rechts- und Linksanschlags.

Entscheidende Entwicklungen in den 1950er Jahren

Bereits ein Jahr später, 1955, begann die Herstellung der Drehkippbeschlagmodelle „SIEGENIA-Ideal“  und „SIEGENIA-Spezial“ mit Eckgetriebe-Betätigung. Die Besonderheit dieser beiden Varianten bestand dabei in der wahlweisen Rechts- und Links-Verwendbarkeit des Eckgetriebes und des zugehörigen Ecklagers. Zu diesem Beschlag konnten vier verschiedene Ausstellscheren geliefert werden, so eine Doppelschere mit Ecklager oder mit Bremslager und eine Kreuzschere mit Ecklager oder mit Bremslager.
1958 erfolgte die Markteinführung des Drehkippbeschlages „SIEGENIA-Rationell“ mit einem am Flügel aufschraubbar angeordnetem Eckgetriebe. Der Vorteil dieses Beschlages bestand vor allem darin, dass die Schubstangenmontage noch erfolgen konnte, nachdem die Fitschenbänder- und die Eckgetriebe-Grundplatte bereits am Flügel befestigt waren. Mittels entsprechender Lehren ließ sich dieser Beschlag vom Schreiner passgenau verarbeiten. Mit diesem Produkt, für den auch der Bandanbieter Anuba Komponenten fertigte, begann die eigentliche Erfolgsgeschichte des Drehkippbeschlages.

60er Jahre Dreh-Kipp-Beschlag von Aubi
In den 60er Jahren entstehen in Deutschland im großen Stil moderne Trabantenstädte. Fensterbeschläge sollten damals vor allem kostengünstig und schnell zu montieren sein.

Die 1960er Jahre im Zeichen der verdeckt liegenden Beschläge

Auf der Kölner Eisenwarenmesse 1959 wurde dann der „SIEGENIA-Optimal“ erstmals der Fachöffentlichkeit  vorgestellt. Bei diesem ab Anfang 1960 produktionsreifen Beschlag handelte es sich um einen verdeckt liegenden Einhand-Drehkipp mit zwangsgesteuerten Ausstellscheren.
Gleichzeitig gab es in diesen Jahren auch Versuche, einen Beschlag zu konzipieren, der mit je einem verdeckt liegenden Bauteil auf der Verschluss- und der Bandseite sowie einer dazu gehörenden Schere versehen war. Sämtliche Bauteile lagen verdeckt in dem Flügelfalz. Bedient wurde der Beschlag über zwei Handgriffe. Dieses technisch sehr weit entwickelte Produkt, dass unter dem Namen „SIEGENIA Format“ in den Markt kommen sollte, setzte sich jedoch nicht durch. Die Fertigung war zu aufwendig und der Beschlag konnte nicht zu marktgerechten Preisen angeboten werden. Gleiches gilt auch für die verdeckt liegenden Beschläge „SFV“, „Gigant“ und „Alubi“ aus dem Hause Aubi, die sich aufgrund der aufwendigen Konstruktion und der „Zweihandbedienung“ nicht behaupten konnten. Ober auch die Variante „SIEGENIA Compact“ mit nur zwei Bauteilen in verschiedenen Größen, bei dem die Bedienung zum Kippen unten waagerecht erfolgte.

Frischluft nach Maß
Frischluft nach Maß

Durchgesetzt haben sich in den 60er Jahren aber einzelne Bauteile wie der Fensterfeststeller, der für eine geregelte Frischluftzufuhr sorgt. Noch heute kommt dieses Bauteil beispielsweise in vielen holländischen Fenstern zum Einsatz.  
Auch damals schon beschäftigte sich das Siegener Unternehmen neben der Beschlagtechnik mit dem Thema professionelle Lüftungssysteme in Fensterelementen. Das Ergebnis war Mitte der 60er Jahre der erste in Serie gefertigte Spaltlüfter „Sial 2“, mit dem ein Luftaustausch ohne Öffnen des Fensterflügels möglich wurde. Betätigt wurde dieser Lüfter über ein am Flügel liegendes Gestänge.

Im Jahre 1965 wurde der erste Einhand-Drehkippbeschlag, der „SIEGENIA-Markant“, auf den Markt gebracht. Zugleich kam in diesem Jahr auch der Spaltlüfter „Sial 3“ auf den Markt. Der erste Einhand-Drehkippbeschlag für Leichtmetallfenster wurde im Hause Siegenia 1966 entwickelt und war ein Jahr später serienreif. Die Besonderheit dieses Beschlages lag dabei einerseits in der Benutzung eines Zweistufen-Betätigungsgetriebes sowie andererseits in der Verwendung von formschlüssig in den Treibstangennuten festlegbaren Eckumlenkungen.

Der erste Spaltlüfter - Luftaustausch ohne das Fenster zu öffnen
Spaltlüfter - Luftaustausch ohne das Fenster zu öffnen

Die 70er: Der erste verdeckt liegende Drehkippbeschlag

Eine Art Quantensprung erfolgte 1972 mit der Einführung des „SIEGENIA Optimal“ für Großflächenfenster. Mit zwei nebeneinander liegenden Treibstangen und einem Multifunktionshebel wurde dieser Beschlag erstmals zwangsweise in Kippstellung geschaltet. Dieses innovative Produkt überzeugte auch die Planer des Olympischen Dorfes in München, die es dort zum Einsatz brachten. Der ebenfalls Anfang der 70er Jahre konzipierte Beschlag „SIEGENIA-Optimal’75“ mit einer Falzbreite von 20 mm gilt heute als der erste verdeckt liegende Drehkippbeschlag. Einsatzgebiete dieses Beschlags waren hauptsächlich Großflächen- und Schallschutzfenster.

Der moderne Drehkippbeschlag

Schmaler im Falz wurde es 1972 mit dem „SIEGENIA-Global“, dem ersten Drehkippbeschlag mit 18 mm Stulpbreite, sowie mit dem „SIEGENIA-Favorit“ für Holzfenster. Das Favorit-Programm für Holzfenster lag in sechs verschiedenen Einbauvarianten (V – VM – S – SM – SW – SR) vor. Kennzeichnend für diesen Beschlag war die fehlbedienungssichere Eingriff-Bedienung, die Benutzung montagefertiger Bauteile mit 16 mm Stulpbreite sowie die Verwendung nachregulierbarer Mittelverschlüsse.

Ein Jahr später, 1973, erfolgte bereits eine Weiterentwicklung der Eingriff-Drehkippbeschlage „SIEGENIA-Favorit“ zum „SIEGENIA-Favorit-3“. Diese wurden mit einem patentierten einbohrbaren TRIAL-Getriebe ausgestattet, das mittels dreier Bohrlöcher ohne Nachbearbeitung in den Schlosskasten des Fensters eingebaut werden konnte. Dieses Prinzip hat sich selbst bei den modernen Beschlägen heute nicht wesentlich geändert.

Für die Verwendung in Leichtmetallfenstern wurden 1972 die Drehkippbeschläge „SIEGENIA-LM 3000“ und „SIEGENIA-LM 3000 TL“ auf den Markt gebracht. 1976 erfuhren diese Beschläge mit dem „SIEGENIA-LM 4000“ eine Weiterentwicklung speziell für den Einbau in Fenster und Türen aus leichten Alu-Profilen.

Einbruchhemmender Beschlag Aubi200 safety
Ertse einbruchhemmende Beschläge kamen in den 1980er Jahren auf den Markt

Einfache Montage und Einbruchhemmung in den 80ern

Ein weiterer Meilenstein in Bezug auf die Verarbeitung der Beschläge erfolgte in den frühen 80er Jahren. Bei dem „SIEGENIA VV“ konnten die Beschlagteile erstmals fast komplett ohne Schablonen montiert werden. Dies erleichterte die Arbeit des Fensterbauers ungemein. Das „VV“ steht dabei für ‚völlig verdeckt‘ und bezieht sich auf die in einer Nut liegenden Schubstangen. Komfortabel für den Verarbeiter sind auch Details wie die so genannten 3-D-Rollen am „Aubi 200“ Beschlag. Durch dieses kleine aber entscheidende Bauteil ließen sich Toleranzen am Bau erstmals problemlos ausgleichen, denn eine Höhenjustierung des Fensterflügels wurde möglich und die Leichtgängigkeit des Fensters konnte gewährleistet werden.

Ende der 80er Jahre rückte das Thema Einbruchhemmung mehr ins Blickfeld. Die Anforderungen an das Fenster wurden höher, und die Hersteller reagierten mit entsprechenden Produkten wie dem Pilzkopf, der für eine feste Verbindung zwischen Flügel und Rahmen sorgt. Beschläge wie beispielsweise der „Aubi 200 Safety“ erschwerten damals Einbrechern den Einstieg durch ein- oder zweiflügelige Fenster im Erdgeschoss oder Balkon- und Terrassentüren deutlich.

Einbruchhemmende rekonstruierte historische Fenster
Historische Optik, moderne Technik - Fenster in einem Fachwerkhaus

Moderne Beschläge für rekonstruierte historische Fenster

Viele dieser Entwicklungen sind in der Beschlagtechnik von heute Standard. Mehr in den Vordergrund rücken jetzt hingegen Themen wie die Optimierung und Rationalisierung der Fertigung oder die Optik des Fensterelements. So können bei Holzfenstern bereits die Bolzen-Aufnahmen komplett und damit bündig im Rahmen verschwinden.
Zunehmend findet auch die Elektronik Einzug in das Fenster. Das automatische Öffnen und Schließen sowie der Anschluss an die Heizungssteuerung plus die Integration eines Alarmmelders sind im Objektbau bereits eher die Regel als die Ausnahme.

Der Einsatz aktueller Fenster- und Beschlagtechnik im Denkmalschutz muss kein Widerspruch sein. Ähnlich wie bei manchem klassischen Automobil, bei dem unter der Motorhaube ein modernes Aggregat arbeitet, verhält es sich mit dem Fenster im Gebäude. Zum Einsatz kommen Elemente - meist aus Holz - im „Retro-Look“, die exakt die Form des klassischen Flügels und Rahmens aufgreifen. Selbstverständlich lassen sich diese Fenster mit innovativer Beschlagtechnik ausstatten, die keine Wünsche des Nutzers in Bezug auf Einbruch- oder Schallschutz sowie Komfort offen lässt. Auch die Integration von Elektronik ist in Fenster von denkmalgeschützten Gebäuden möglich, ohne dass die historisch gewachsene Erscheinung beeinträchtigt wird.

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Wir danken der Siegenia Gruppe für die Bereitstellung des Bildmaterials und Herrn Roland Schöler für die Zustimmung zur Veröffentlichung seines Vortrages auf dieser Website.