Historische Schließtechnik an einer massiven Pforte

4000 Jahre hinter Schloss und Riegel

Eine kleine Menschheitsgeschichte der Sicherheitstechnik

Wir alle schließen mehrmals täglich Schlösser auf und zu, ohne uns Gedanken darüber zu machen, was wir da eigentlich in Bewegung setzten und welcher Entwicklung es bedurfte, bis die Menschheit in der Lage war, diese modernen Schlösser herstellen zu können. In seinem Gastbeitrag nimmt uns Dr. Ulrich Morgenroth mit auf eine Reise durch 4000 Jahre Geschichte der Schließtechnik.

»Der mutige Held, vorzugsweise mit Lederjacke bekleidet, eine Peitsche in der rechten Hand, steht vor einer augenscheinlich undurchdringlichen Wand. Er schaut hier, drückt und probiert dort. Nun endlich hat er etwas entdeckt und seine Augen blitzen unter der weiten Krempe seines speckigen Hutes. Mit beiden Händen drückt er die vier verborgenen Knöpfe und mit einem leichten Klicken gibt eine Klappe das verdeckte Schlüsselloch frei. Als er den Schlüssel hineinsteckt und vorsichtig, langsam herumdreht, gerät die Szene plötzlich in Bewegung. Rauchschwaden ergießen sich in die unterirdische Kammer, blitzende Klingen schießen aus den Wänden.«

Solche und ähnliche Szenen kennen wir aus fast jedem Abenteuerfilm. Was ist es, das uns so an diesen geheimnisvollen Schlössern fasziniert? Sind sie reine Gebilde der Einbildungskraft von Regisseuren und Autoren, oder steckt ein wahrer historischer Kern hinter diesen Erzählungen?

Warum haben die meisten von uns so ein enges Verhältnis zu ihren Schlüsseln, dass wir sie, werden sie nicht gebraucht, in der berühmten »Schlüsselkiste« horten, obwohl das Schloss, ja manchmal sogar das ganze Haus, zu dem sie einst gehörten, schon seit Jahrzehnten nicht mehr existiert?

Vom Fallriegelschloss zum Mikrochip

Im folgenden wird versucht, zumindest einige all der Fragen, die mit Schlössern und Schlüsseln verbunden sind, näher zu beleuchten. Dabei wird aber nicht nur die Technik der Schlösser von ihren Anfängen vor ungefähr 4000 Jahren bis in die Gegenwart erklärt, sondern auch beleuchtet, was die Menschen der Vergangenheit dazu trieb, immer neue, immer kompliziertere Schließmechanismen zu konstruieren.

Natürlich muss ein Versuch wie dieser unvollständig bleiben, denn es können nicht alle Schlosstypen vorgestellt werden, die je erfunden wurden; das würde den Rahmen der Studie bei weitem sprengen. Deshalb wurde exemplarisch eine Auswahl von Konstruktionen getroffen, die die Entwicklung des Schlosses meines Erachtens besonders nachhaltig beeinflusst haben. Auch auf die kunsthistorischen Feinheiten in der Gestaltung von Schlössern und Schlüsseln wird hier nur am Rande eingegangen, denn auch hier haben die Menschen aller Länder und Epochen so viel Gestaltungswillen und Erfindungsgeist entwickelt, dass ihre Beschreibung Bände füllen könnte.

Schlösser stehen immer in einem engen Zusammenhang zur Lebensweise der Menschen, die sie benutzen, und jeder Kulturkreis hat und hatte ein eigenes, ganz besonderes Verhältnis zu diesen geheimnisvollen, mechanischen Meisterwerken. Die Geschichte der Schließtechnik war ein ständiger Wettlauf, denn mit jeder Verfeinerung, die ein Schlosskonstrukteur ersann, wurden auch die Methoden der Einbrecher immer ein wenig raffinierter. Was wäre besser geeignet, um diese Reise durch 4000 Jahre Erfindungsgeist im Dienste der Sicherheit zu illustrieren, als die Objekte aus der einmaligen Sammlung des Deutschen Schloss- und Beschlägemuseums, Velbert.

Holzschloss

Wie alles begann

Schlösser und Schlüssel sind in der Menschheitsgeschichte ein relativ junges Phänomen, denn für die meiste Zeit ihrer Existenz auf diesem Planeten kamen die Menschen ohne sie aus. Das liegt daran, dass die Menschheit für die meiste Zeit ihrer Geschichte grundsätzlich anders lebte, als wir es heute tun. Während der Alt- und Mittelsteinzeit, die zusammen den bei weitem längsten Kulturabschnitt der Geschichte ausmachten, waren die Menschen Jäger und Sammler. Diese Lebensweise verhindert, dass man sich länger an einem Ort aufhält, da man, wenn alle Tiere in der Umgebung erlegt und alle Beeren gesammelt sind, gezwungen ist, sich in neue Jagd- bzw. Sammelgründe zu bewegen.

Wegen ihrer mobilen Lebensweise lebten die Menschen in Zelten, für die Schlösser und Verschlüsse wenig praktikabel waren. Ihren Siegeszug traten die Verschlüsse erst mit der sogenannten neolithischen Revolution an, als die Menschen begannen, sesshaft zu werden, Getreide anzubauen, Vieh zu züchten und in festen Häusern zu leben. Diese festen Häuser begann man nun zunächst mit einfachen Riegelverschlüssen zu sichern.

Die Türschwelle war von jeher ein magischer Ort. Dass diese ganz besondere Stelle im Haus etwas Außergewöhnliches ist, zeigt noch heute der Brauch, dass die Braut unmittelbar nach der Hochzeit die Schwelle nicht selbst überschreiten darf, sondern vom frischgebackenen Ehemann herübergetragen wird.

Wir wissen aus den isländischen Sagas, die das Leben der Wikinger auf Island im 10. Jahrhundert beschreiben und, nachdem sie über Jahrhunderte mündlich von Generation zu Generation weitergegeben worden waren, im 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurden, dass auch für diese rauhen Kerle aus dem hohen Norden die Schwelle des Hauses etwas Besonderes war. Hatte man Verstorbene, die auch nach ihrer Beerdigung nicht recht Ruhe geben wollten und als Widergänger ihre ehemaligen Verwandten erschreckten, so grub man die Leiche wieder aus und bestattete sie erneut, und zwar stehend unter der Türschwelle. Von hier konnte nicht einmal ein Geist zurückkehren.

Bei den Franken der Völkerwanderungszeit, so berichtet der Historiker Gregor von Tours († 597), dass die Schwelle ein Ort des Asyls war, an dem kein Feind einem anderen Leid antun durfte.

Beim Bau eines Hauses wurden bis weit in christliche Zeit hinein getötete Tiere als Opfer unter der Türschwelle vergraben. Mit dieser Gabe an die Mächte der Natur wollte man verhindern, dass böse Einflüsse die Schwelle überschreiten konnten.

Alternative Lösungen: Ein Leben ohne Schlösser

Sein Hab und Gut mit mechanischen Sicherungselementen – Schlössern und Verschlüssen – zu sichern erscheint uns heute selbstverständlich. In den frühesten Städten wie Catal Hüyük, den bronzezeitlichen Nuraghen auf Sardinien, aber auch den Pueblos der Indianerkulturen in New Mexico bediente man sich einer ganz anderen Methode, um Unbefugten den Eintritt ins eigene Haus zu verwehren.

Hier betrat man das Gebäude nicht durch eine ebenerdige Tür, sondern durch eine Tür, die entweder hoch an der Mauer angebracht war, oder durch eine Luke im Dach. Um diese zu erreichen, brauchte man eine Leiter, die auf Zuruf heruntergereicht wurde.

Entscheidender Nachteil dieses Systems war, dass sich, wollte man nicht ständig eine große Leiter mit sich herumtragen, zu jeder Zeit jemand im Haus befinden musste, der dann als Arbeitskraft für die Feldarbeit ausfiel.

Erste Schlösser waren aus Holz

Will man Geschichte und Technik der frühen Schlösser beschreiben, stößt man auf das Problem, dass nur sehr wenige der Schloss- und Schlüsselfunde aus archäologischen Ausgrabungen gut publiziert sind. Mit vielen anderen scheinbar uninteressanten Alltagsgegenständen finden sie in den Veröffentlichungen zumeist nur kurze Erwähnung.

Ein weiteres Problem ist das Material, aus dem die Schlösser gefertigt wurden, denn die Schlossmacher der Frühzeit waren eher Tischler als Schlosser und man stellte Schlösser aus Holz her, das nur selten länger als wenige Jahre überdauerte.

So lässt sich auch erklären, dass eigentlich nur über die Schlösser der römischen Zeit klare Aussagen gemacht werden können, weil zu dieser Zeit das Metallhandwerk eine besondere Blüte erlebte.

Der Stoßriegelverschluss - komplexe Mechanik mit entscheidendem Nachteil

Seit ungefähr einhundertfünfzig Jahren kennt man aus ägyptischen Gräbern einen Typ von Objekten, auf den sich die Gelehrten ungefähr fünfzig Jahre lang keinen rechten Reim machen konnten. Dabei handelte es sich um runde, teilweise schön mit Hieroglyphen verzierte, Holzstäbe, die an jedem Ende mit einem Loch versehen waren. Die Interpretationsversuche gingen sogar so weit, in diesen Stäben die Lockenwickler zu sehen, mit denen die eleganten ägyptischen Damen ihre aufwendigen Perücken ondulierten.

Gewissheit erhielten die Forscher erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als eine völkerkundliche Expedition nach Abessinien, dem heutigen Äthiopien, aufbrach. Dort stellte man fest, dass die Bewohner dieses Landstrichs noch vor rund hundert Jahren Haustürverschlüsse mit Schlüsseln öffnete, die den ägyptischen Stäben zum Verwechseln ähnlich waren.

Der Öffnungsvorgang ist ziemlich kompliziert, und die Besucher, die vor dem im Deutschen Schloss- und Beschlägemuseum aufgebauten Funktionsmodell stehen, sind trotz der Erläuterung in Text und Bild in der Regel zunächst völlig ratlos.

Auf der Innenseite der Tür befindet sich ein leicht verschiebbarer Riegel. Um von außen abschließen zu können, kann man an einem Lederband ziehen, das am Riegel befestigt ist und durch ein Schlüsselloch in der Tür gezogen wird. Durch eines der Löcher im Schlüssel ist wiederum ein Lederband gezogen und fest verknotet. Zum Aufschließen zieht man zunächst das Band, das am Riegel befestigt ist, durch das freie Loch im Schlüssel. Dann muss der Schüssel durch das Schlüsselloch ganz ins Innere der Tür geworfen werden. Zieht man nun am Riegel-Band, erreicht man, dass Schlüssel und Riegel auf die gleiche Höhe kommen. Zieht man jetzt am Schlüsselband und lässt das andere dabei langsam laufen, schiebt der Schlüssel den Riegel in den Türrahmen zurück, sodass man die Tür problemlos öffnen kann.

Dass Stoßriegelschlösser kein rein afrikanisches Phänomen waren, beweisen Ausgrabungen auf Sizilien. Auf einem Gräberfeld in der Nähe von Catania entdeckte man sechzehn Objekte, die sich einwandfrei als Stoßriegelschüssel identifizieren lassen und in das 10. Jahrhundert v.Chr. datiert werden.

Der Stoßriegelverschluss hat einen entscheidenden Nachteil, denn der Schlüssel hat immer die gleiche Form – die eines Stabes. Hat man also den Schlüssel für einen dieser Verschlüsse, so hat man automatisch den Schlüssel für alle Verschlüsse dieses Typs. Da im Idealfall aber ein Schloss nur mit einem einzigen, individuellen Schlüssel zu öffnen sein sollte, können wir in diesem Fall also auch nicht von einem »richtigen« Schloss sprechen, da die Schutzfunktion weniger von der Form des Schlüssels, sondern eher von der Komplexität des Öffnungsvorganges ausgeht.

Prinzipzeichnung des Stossriegelschlosses
Die Funktion des Stoßriegelverschlusses

Das Lakonische Schloss - Schließtechnik aus der Bronzezeit

Ein weiterer wichtiger Vorläufer der »echten Schlösser« war das sogenannte Lakonische Schloss, eine Schieberiegelkonstruktion, die in Deutschland bereits in der Bronzezeit verwendet wurde, im klassischen Griechenland besondere Popularität erlangte und im bäuerlichen Bereich bis Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder verwendet wurde. Da es bereits von Homer in der Odyssee beschrieben wurde, ist es der erste Typ, der Eingang in die Weltliteratur gefunden hat.

Innen an der Tür befindet sich ein beweglich angebrachter Schieberiegel, dessen obere Seite eine oder mehrere Einkerbungen besitzt. Ähnlich wie beim Stoßriegelverschluss befindet sich das Schlüsselloch oberhalb des Riegels in der Tür. Die einfachste Form von Schlüsseln für diesen Typ sind die in den bronzezeitlichen Schweizer Seeufersiedlungen ausgegrabenen Sichelschlüssel. Der Schlüssel wird durch das Schlüsselloch geführt, greift in eine der Riegelkerben, sodass sich der Riegel nun hin und herschieben lässt.

Die Form des Schlüssels – von den doppelt geknickten Schlüsseln der Griechen bis zu Klappschlüsseln – wurde im Laufe immer weiter optimiert. Da aber die einzig wirksame Variation in der Schlüsselform allein in dessen Länge liegt, kann man auch bei dieser Konstruktion schwerlich von einem »richtigen« Schloss sprechen.

Die Weiterentwicklungen dieses Grundprinzips mit Schlüsseln, die am Ende Haken besaßen, welche in spezifisch im Riegel angebrachte Bohrungen griffen, erlaubten wegen des verschiebbaren Riegels auch nur eine geringe Erhöhung des Sicherheitswertes.

Prinzipzeichnung eines lakonischen Schlosses
Prinzipzeichnung eines lakonischen Schlosses

Ein früher Geniestreich: das Fallriegelschloss

Wie bei vielen Erfindungen der Antike liegen auch beim Fallriegelschloss die genauen Anfänge im Dunkeln. Der wahrscheinlich älteste, allerdings indirekte, Hinweis ist eine Darstellung auf einem akkadischen Rollsiegel aus der Zeit zwischen 2350 und 2150 v.Chr. Hier ist der mesopotamische Gott Schamasch abgebildet, der in der linken Hand ein kammartiges Gerät hält. Dieses Objekt, das in der Literatur auch schon als »Sonnensäge« bezeichnet wurde, wird von einigen Gelehrten als Schlüssel für die Himmelstür gedeutet, die, der Gewohnheit der Zeit entsprechend, mit einem Fallriegelschloss verschlossen war.

Ausgrabungen im Irak haben bewiesen, dass es Fallriegelschlösser auf jeden Fall seit ca. 2800 Jahren gibt. Es ist das erste »echte« Schloss überhaupt, das heißt, die erste Form von Verschluss, die wirklich nur mit einem speziell angefertigten Schlüssel geöffnet werden kann. Da es bis heute in bestimmten Regionen Afrikas und der östlichen Türkei verwendet wird, kann man davon ausgehen, dass es sich hier um den größten Verkaufsschlager handelt, den es jemals in der Schlossgeschichte gegeben hat, denn Fallriegelschlösser wurden seit ihrer Erfindung in grauer Vorzeit ohne Unterbrechung bis heute immer wieder hergestellt.

Im oberen Teil des Schlosses befinden sich Zuhaltungen = Fallriegel. Durch ihr Eigengewicht fallen die Stifte in Löcher im Riegel und blockieren ihn. Die »Zinken« am Ende des Schlüssels heben die Fallstifte an und geben so den Riegel wieder frei. Die Schließvariation ergibt sich daraus, dass unterschiedlich viele und in unterschiedlichen Abständen angebrachte Fallriegel im Schloss eingebaut sind. Da die Schlossmacher jedes Fallriegelschloss als Einzelstück fertigten, sind der Variationsbreite kaum Grenzen gesetzt.

Das Fallriegelschloss stand auch Pate in der Entwicklung des modernen Zylinderschlosses, sodass wir unwissentlich, wenn wir alltäglich unsere Haustüren aufschließen, in einer technologischen Tradition stehen, die über vier Jahrtausende zurückreicht.

Altägyptisches Fallriegelschloss
Altägyptisches Fallriegelschloss

Spiritualität und Technik: Schlösser und Schutzgeister

Fallriegelschlösser können aus konstruktionstechnischen Gründen nur an der Außenseite der Tür angebracht werden. Da die meisten Fallriegelschlösser aus Holz sind, sind sie von potentiellen Einbrechern relativ leicht zu zerstören. Um dies zu verhindern, haben sich einige Völker Westafrikas, besonders die Dogon, Senufo und Bambara, eine zusätzliche Sicherung einfallen lassen. Diese Stämme gestalten nämlich bis heute ihre Schlösser in Form von Götterfiguren. Da Menschen der Region außerordentlich fromm sind, würde es niemand wagen, einen solchen Gott zu zerstören, da er anschließend eine schreckliche Rache zu fürchten hätte.

Die Symbole dienen aber auch dazu, Unheil vom Haus fernzuhalten. Diese Schutzfunktion kennen wir auch aus Europa. In katholischen Gegenden ziehen jedes Jahr am 6. Dezember die heiligen drei Könige aus, um die Häuser der Gläubigen mit mächtigen magischen Zeichen zu schützen.

Ein Relikt aus heidnisch-römischer Zeit ist der löwenköpfige Türklopfer. Als Tier des Helden Herkules konnte der Löwe nach dem Glauben der Antike schlechte Einflüsse vom Haus abweisen. Obwohl wir heute diesen direkten mythischen Bezug verloren haben, scheint diese spirituelle Schutzfunktion zumindest unterbewusst noch vorhanden zu sein. Die Kombination aus technischer und spiritueller Sicherheit war über die ganze Welt verbreitet, so kennt man etwa aus dem mittelalterlichen Frankreich Truhenschlösser, die aus ganz ähnlichen Gründen wie die afrikanischen Fallriegelschlösser mit Heiligenfiguren geschmückt waren. Erst als die religiösen Tabus begannen, ihre Macht zu verlieren, fing man an, sich auf andere Lösungen zu besinnen. Dieser Prozess lässt sich zurzeit auch in Afrika beobachten, wo die alten Symbole – durch die ständige Ausbreitung des Islam und seines Bilderverbots – stetig an Macht verlieren.

Das Vermächtnis der Kelten: das Sperrfederschloss

Das Sperrfederschloss, zumeist ein Vorhängeschloss, besteht aus zwei Teilen. Im Inneren ist die Sperrfeder, oder auch Spreizfeder, versteckt, die die beiden Teile zusammenhält. Sie sieht aus wie der Widerhaken an einem Indianerpfeil. Zum Abschließen drückt man beide Teile des Schlosses zusammen, dabei wird die Sperrfeder durch ein Loch geschoben, spreizt sich auf der anderen Seite und hält so die Schlossteile zusammen.

Zum Aufschließen muss man den Schlüssel ins Schlüsselloch schieben. Der Schlüssel drückt die Sperrfeder wieder zusammen und man kann die beiden Teile des Schlosses wieder auseinanderziehen.

In Deutschland sind Sperrfederschlösser spätestens seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. bekannt. Die ältesten Exemplare wurden im Oppidum von Manching, einer keltischen Stadt in der Nähe von Ingolstadt, entdeckt. Wie auch das Fallriegelschloss hat diese Konstruktion eine enorm lange Laufzeit, denn Sperrfederschlösser werden in Ländern wie Indien, Marokko, China und dem Iran bis heute hergestellt.

Sperrfederschloss
Wird immer noch hergestellt: das Sperrfederschloss

Es war alles schon mal da: die Schlösser der römischen Welt

Wie so viele technische Errungenschaften der Römer haben sicherlich auch die römischen Schlösser hellenistische Vorläufer, die allerdings aus Ausgrabungen kaum bekannt sind, sodass wir uns hier auf die römische Schließtechnik beschränken müssen.

Wie bei vielen anderen technologischen Meisterleistungen, von der Fußbodenheizung bis zum Wasserklosett, gilt auch für die Schließtechnik, dass so ziemlich jede Technologie, die vor dem 19. Jahrhundert bekannt war, in römischer Zeit schon einmal existiert hat. Die meisten dieser Ideen gingen allerdings mit dem Ende der Römerherrschaft verloren, und die Erfindungen mussten dann im Laufe des Mittelalters wieder mühsam ein zweites Mal gemacht werden. Die Anzahl der bekannten römischen Schlüssel ist enorm und übersteigt bei weitem alles, was aus jeder anderen Epoche des Altertums bekannt ist. Das ist besonders erstaunlich, da die Archäologen die allermeisten römischen Schlüssel, die ausgegraben werden, nie zu Gesicht bekommen. Dieser Zustand ist Teil eines allgemeinen und fatalen Problems der Altertumswissenschaft.

Römische Schlüssel aus Eisen oder Bronze lassen sich im Boden leicht mit Metallsuchgeräten entdecken. Da Schlüssel beliebte Sammlerobjekte sind, können sie von Raubgräbern leicht gewinnbringend verkauft werden. Besonders durch Auktionen im Internet erreicht der widerrechtliche Handel mit antiken Objekten derzeit bisher unbekannte Ausmaße. Der Boom in der Schlossherstellung, der sich uns über diese große Menge römischer Schlüssel erschließt, hatte vor allem zwei Gründe, zum einen den großen Aufschwung, den die Metallverarbeitung in dieser Epoche nahm, zum anderen die urbane Lebensweise der Römer. In allen neueroberten Provinzen legten die neuen römischen Machthaber Städte an, in denen sich die Bevölkerung konzentrierte. Der Unsicherheit und Anonymität, die mit dieser Ballung der Bevölkerung einherging, versuchte man mit mechanischen Sicherungskonstruktionen, sprich Schlössern, entgegenzuwirken.

Das Hebe-Schiebeschloss

Das am weitesten verbreitete römische Schloss wird nach seiner recht komplizierten Öffnungsmethode Hebe-Schiebeschloss genannt. Dem Grundprinzip nach ein Fallriegelschloss, wurde es nun ganz aus Metall hergestellt.

Der Druck der Zuhaltung wird beim Schiebeschloss durch eine Feder verstärkt, die sie in Aussparungen im Riegel drückt. Die Variation ergibt sich daraus, dass sich die Römischen Feinschmiede für die Zuhaltungen und Durchbrüche im Riegel unzählige raffinierte Formen ausdachten, die sich dann im Schlüsselbart wiederfanden.

Da jedes Schloss eine Einzelanfertigung war, waren die Variationsmöglichkeiten nahezu unendlich.

Der Schlüsselbart der Schiebeschlüssel steht im rechten Winkel zu Schlüsselgriff. Um aufzuschließen, steckt manden Schlüsselbart ins Schloss. Jetzt muss der Schlüsselgriff horizontal um neunzig Grad gedreht werden. Hebt man nun den Schlüssel an, drückt der Bart die Zuhaltung aus dem Riegel und gibt ihn frei. Zum Entriegeln muss dann noch der Schlüssel, samt Riegel, zur Seite geschoben werden.

Hebeschiebeschloss
Erfindung der Römer: das Hebeschiebeschloss

Römische Drehschlösser

Im Verlaufe der römischen Epoche tauchten auch immer mehr Drehschlösser auf, die unseren heutigen Typen nicht unähnlich sind und deren Funktionsweise im Rahmen der mittelalterlichen Schlösser näher erläutert wird. Beim Großteil dieser Stücke scheint es sich allerdings um Vorhänge und Möbelschlösser zu handeln, während man Türen weiterhin mit Schiebeschlössern abzuschließen pflegte.

Der Schlüssel im Kopf: römische Trick und Kombinationsschlösser

Das Grundprinzip des »Schlüssels im Kopf« ist auch heute Bestandteil des täglichen Lebens. So z.B., wenn wir heutzutage an einem Geldautomaten Geld abheben wollen. Für den Geldautomaten benötigen wir zwei Schlüssel: die Scheckkarte, die nichts anderes ist als ein elektronischer Schlüssel, und die Geheimnummer, auch ein Schlüssel, aber eben einer, den man nicht in der Tasche, sondern im Gedächtnis bei sich trägt.

Die einfachste Methode, um diesen imaginären Schlüssel einzusetzen, ist, das Schlüsselloch hinter einer unauffälligen Klappe zu verstecken, die sich nur über einen geheimen Mechanismus öffnen lässt, dessen Bedienung allein dem Besitzer des Schlosses bekannt ist. Der Grundgedanke dieses Systems, das ab dem Mittelalter in einer Vielzahl höchst raffinierter Trickschlösser seine höchste Blüte erlebt, war auch schon den Römern bekannt.

Ausgrabungen haben einige Kastenschlösser mit Schlüssellochverstecken ans Tageslicht gebracht. Eine besonders faszinierende Gruppe römischer Trickschlösser sind die kleinen Vorhängeschlösser mit Maskendeckel.

Im Deutschen Schloss- und Beschlägemuseum werden zwei besonders schöne Exemplare aufbewahrt. Um an das versteckte Schlüsselloch zu gelangen, muss zuerst ein geheimer Schieber, dann ein Hebel bewegt werden, nun erst kann der Maskendeckel hochgeklappt werden.

Eine kleine, wenn auch kaum bekannte Sensation war die Entdeckung, die der Archäologe F. Willemsen im Jahre 1964 auf dem Karameikos, dem Friedhof des antiken Athens, machte. Die unscheinbaren Metallreste, die er hier im reich ausgestatteten Frauengrab des 3. Jahrhunderts n.Chr. entdeckte, sollten sich später bei der Restaurierung als die Überreste des ältesten bekannten Kombinationsschlosses der Welt entpuppen. Vorher war man davon ausgegangen, dass Kombinationsschlösser in Europa erst seit dem 16. Jahrhundert bekannt sind.

Die Reste gehörten zu einem Überfallenschloss – ein Schlosstyp, der bis heute bei Kofferschlössern weit verbreitet ist –, mit dem ein Schmuckkästchen verschlossen war. Technisch gesehen war die Konstruktion so einfach wie genial.

Kernstück des Mechanismus sind zwei runde, drehbare Metallscheiben, die jeweils an einer Stelle eingekerbt sind. Erst wenn die Scheiben in die richtige Position gedreht worden sind, können die am Riegel befindlichen Haken in die Kerben greifen, so dass sich das Schloss öffnen lässt.

Genau das gleiche technische Grundprinzip findet sich im Deutschen Schloss- und Beschlägemuseum bei einer Schnupftabaksdose aus dem 17. Jahrhundert wieder, und es wird bis heute in der Herstellung von Spielzeugtresoren für Kinder verwendet.

Ein Nachteil all dieser Konstruktionen, wie auch der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Trick und Kombinationsschlösser, ist, dass sie alle jeweils nur ein Geheimnis besitzen. Damit ist gemeint, dass sich der Trick oder die Kombination nicht verändern lassen, sodass sie, wenn ihr Geheimnis bekannt wird, ihren Sicherheitswert verlieren. Erst ab dem 19. Jahrhundert begann man, vor allem im Tresorbau, Kombinationsschlösser zu entwickeln, deren Code sich einstellen lässt und so jederzeit verändert werden kann.

Zeichnung eines Trickschlosses
Nur der Besitzer wusste wie sich das Trickschloss öffnen lässt

Vom Ringschlüssel zum Ehering oder wem gehört der Haustürschlüssel?

Eine bei Sammlern besonders beliebte Gruppe von römischen Schlüsseln sind die bronzenen Fingerringschlüssel. In der Regel für kleine Sperrfederschlösser vorgesehen, hat es mit diesen eine besondere Bewandtnis. Nach römischem Recht hatten Frauen keinen Anspruch darauf, einen Haustürschlüssel zu besitzen. Dieser war dem männlichen Familienoberhaupt vorbehalten.

Überhaupt durften römische Frauen offiziell überhaupt keinen persönlichen Besitz ihr eigen nennen bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie heirateten. Alles, was sie vorher benutzten, gehörte offiziell ihrem Vater. Waren sie dann verheiratet, stellte man irgendwo im Haus eine Truhe auf, in der die neu errungenen Wertsachen aufbewahrt wurden, und schloss diese mit einem der schicken Ringschlüssel ab.

Flanierte jetzt ein junger römischer Mann Samstag nachmittags auf der Suche nach einer stürmischen Affäre durch die Straßen der Stadt und sah eine Frau, die einen dieser Schlüssel am Finger trug, so konnte er gleich kombinieren, dass seine potentielle Angebetete verheiratet war. Es gibt einige Kulturwissenschaftler, die behaupten, dass sich unsere heutige Sitte des Eherings auf die römischen Ringschlüssel zurückführen lässt. Für dieses Argument spricht auch die Tatsache, dass viele der bekannten römischen Ringschlüssel technisch gesehen zum Öffnen eines Schlosses gar nicht geeignet sind. Sie waren also reine Symbol-, sprich Eheringe.

Dass bei den Römern die absolute Schlüsselgewalt beim Mann lag, hört sich für unsere heutigen Begriffe einigermaßen archaisch an. Dazu ist zu sagen, dass Frauen in Deutschland erst seit den 1970er Jahren und der Reform des Scheidungsrechts ein verbrieftes Recht auf den Besitz eines eigenen Haustürschlüssels haben.

Hier ergibt sich ein gewisser rechtlicher Widerspruch, da traditionsgemäß dem Gewohnheitsrecht nach die Schlüsselgewalt in Deutschland eigentlich immer bei den Frauen lag.

Dies lässt sich von den Schlüsseln als Beigaben in germanischen Gräbern über die Frauendarstellungen mit Schlüsselbund der Renaissance bis hin zu den Witwerschlüsseln Österreichs durch die Jahrhunderte nachvollziehen. Letztere wurden getragen, um zu zeigen, dass man nach dem Tode der Ehefrau die Schlüsselgewalt des Hauses wieder übernommen hatte.

Der Anachronismus ist dadurch entstanden, dass sich in Deutschland zwei juristische Traditionen getroffen haben:

  • das Gewohnheitsrecht mit immer noch starken germanischen Einflüssen
  • das geschriebene Recht, das, besonders durch den Einfluss Napoleons, auf dem römischen Rechtssystem basiert

 

Historischer Ehering mit Schlüsselfunktion
Türöffner trifft Ehebekenntnis - der römische Ringschlüssel
Österreichische Witwerschlüssel
Österreichische Witwerschlüssel

Das schwarze Loch: Schlösser der Völkerwanderungszeit und des frühen Mittelalters

In den Jahrhunderten nach dem Untergang des Römischen Reiches bis zum 15.–16. Jahrhundert klafft, was die Schlösser betrifft, eine scheinbare Lücke. Dass diese Jahrhunderte aber keine »schlosslose« Zeit waren, wissen wir durch Funde von Schlüsseln und kleineren Metallteilen wie z.B. Teilen der Besatzungen und Federn. Da die meisten Schlösser dieser Periode wahrscheinlich aus Holz hergestellt wurden und daher vergangen sind, sind wir bei der Rekonstruktion ihrer Funktionsweise auf mehr oder weniger fruchtbare Spekulationen angewiesen, die sich aber alle nie endgültig beweisen lassen werden.

Am nächsten kommt man den Schlössern dieser Epoche wahrscheinlich, indem man die Holzschlösser betrachtet, die im ländlichen Bereich bis weit ins 20. Jahrhundert verwendet wurden und die in vielen Fällen den Konstruktionen des frühen Mittelalters nicht unähnlich sein dürften.

Es hat in dieser Zeit allerdings – auch was die Quantität betrifft – wesentlich weniger Sicherungsmechanismen gegeben haben als bei den Römern. Dieser Umstand erklärt sich aus der Lebensweise der Menschen. Die römische Kultur war eine Stadtkultur. In Städten, in denen viele Menschen nahe beieinander wohnen, die sich, anders als in kleinen Dörfern, untereinander nicht persönlich kennen, ist man viel stärker darauf angewiesen, sich gegenüber seinem Nachbarn auch mechanisch abzusichern.

Die römische Stadtkultur ging in den Wirren der Völkerwanderungszeit fast völlig unter, und in vielen Städten, wie z.B. Köln, dauerte es bis zum späten Mittelalter, bis man die Einwohnerzahlen der römischen Zeit wieder erreicht hatte.

Zwei Welten: Stadt und Land

Im weiteren Verlauf des Kapitels über die mittelalterlichen Schlösser ist vor allem von den Schlössern die Rede, die im städtischen Milieu entstanden. Schlösser wurden aber auch auf dem Lande hergestellt, und die Schlossmacher, keine hauptberuflichen Handwerker, sondern Bauern, die nebenher für den eigenen Bedarf und eventuell einige Nachbarn produzierten, bewiesen dabei erstaunlichen Erfindergeist.

Zumeist sind es die uralten Grundprinzipien des Fallriegelschlosses und des Sperrfederschlosses, aber auch Verschlüsse des Typs des »lakonischen Schlosses«, die diesen bauernschlauen Konstruktionen zu Grunde liegen.

Die Holzteile, wie z.B. Schlossfedern aus biegsamen Kienspänen in der hölzernen Version des Schnappschlosses, waren hohem Verschleiß ausgesetzt, konnten aber auch jederzeit leicht erneuert werden. Ein interessantes Phänomen sind Fallriegelschlosskonstruktionen, die mit Drehschlüssel bedient wurden. Das Statussymbol Schlüssel gibt hier vor, mehr zu sein als es wirklich ist: Teil eines eleganten Drehschlosses und nicht einer einfachen Holzkonstruktion.

Neben den Schlössern, die ganz aus Holz bestanden, war das Schloss, das im englischen Sprachgebrauch im Allgemeinen als Banbury-Lock bezeichnet wird, weit verbreitet. Dabei handelt es sich um ein einfaches Besatzungsschloss, bei dem Besatzungen, Feder und Schlüssel aus Eisen, alle anderen Teile aber aus Holz gefertigt wurden. Besatzungen sind gebogene Eisenstäbe, die als Hindernisse in den Drehkreis des Schlüssels eingebaut werden, um zu verhindern, dass jeder beliebige Schlüssel das Schloss öffnen kann. Durch die Besatzungen kann man nur den Schlüssel verwenden, der an der richtigen Stelle im Schlüsselbart Durchbrüche besitzt, die die Eisenstäbe umgehen. Bis zu den großen Innovationen des 19. Jahrhunderts blieben die Besatzungen, die auch als Eingerichte oder Gewirre bezeichnet werden, das einzige effektive Sicherheitsmerkmal der Schlösser.

Vom späten Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert: Schnapp- und Tourschlösser

Eine neuerliche Blüte erreichte die Schlossherstellung erst wieder mit dem späten Mittelalter. Eine wichtige Voraussetzung für diesen Aufschwung waren neue Methoden im Bergwerk und Hüttenwesen. Mussten vorher alle Arbeitsschritte in der Verhüttung der Erze von Hand ausgeführt werden, so setzte man nun Wasserräder ein, die die Blasebälge und Hammerwerke betrieben und das Grundwasser aus den Stollen der Erzbergwerke pumpten. Das führte dazu, dass man nun wesentlich größere Mengen kostengünstigeren Eisens zu Verfügung hatte. Der Bedarf, den man mit diesem zusätzlichen Material befriedigen konnte, war dadurch entstanden, dass die Städte ständig an Einwohnern zunahmen.

Hauptsicherungselement der Schlösser waren nach wie vor die Besatzungen, die bei den Schlössern von hoher Qualität besonders kunstvoll und kompliziert ausgeführt wurden. Einfachere Schlösser schloss man mit Buntbartschlüsseln auf. Buntbartschlösser werden noch heute für Türen innerhalb des Hauses verwendet. Das einzige Sicherheitskriterium ist hier die »bunte«, unterschiedliche Form des Schlüsselbartes und Schlüssellochs.

Zunächst verwendete man vor allem das sogenannte altdeutsche Schnappschloss, welches in Form der beweglichen Falle noch heute Bestandteil eines jeden Türschlosses ist. Der Riegel des Schnappschlosses bleibt beweglich und wird ständig von einer Feder nach vorne gedrückt. Steckt man den Schlüssel ins Schloss und dreht ihn, drückt der Schlüsselbart gegen einen Haken am Riegel, den sogenannten Angriff, und schiebt ihn zurück. Diese Konstruktion hat entscheidende Nachteile, denn das Schnappschloss bleibt nur so lange geöffnet, solange der Schlüssel im Schloss steckt. Außerdem lässt sich ein beweglicher Riegel (daher auch der berühmte Kreditkartentrick, den man aus Kriminalfilmen kennt) von Eindringlingen wesentlich leichter öffnen als ein feststehender.

Einige Zeit später setzte sich dann das Dreh- oder Tourschloss durch. Eine entscheidende technische Verbesserung gegenüber den römischen Drehschlössern stellte die bügelförmige Zuhaltungsfeder dar. Schließt man ein Tourschloss auf, so tut man, quasi ohne es zu merken, nacheinander zwei Dinge. Zunächst hebt der Schlüsselbart die Zuhaltungsfeder an. An der Feder befindet sich ein Haken, der im verschlossenen Zustand in eine Kerbe im Riegel greift und diesen festhält. Ist die Zuhaltungsfeder entsperrt, greift der Schlüsselbart in eine Mulde im Riegel und kann ihn so bewegen. Je nach Anzahl dieser Mulden kann der Riegel ein- oder mehrmals hintereinander verschoben werden. Daher spricht man von ein- oder mehrtourigen Schlössern.

Mit seiner beweglichen Falle und dem festen Riegel stellt das moderne Einsteck-Türschloss, das jeder von uns mehrmals täglich auf- und zuschließt, eine Mischform aus beiden Konstruktionen dar. An den Grundprinzipien hat sich in den letzten Jahrhunderten allerdings kaum etwas geändert.

Altdeutsches Schnappschloss
Einfach zu knacken: das altdeutsche Schnappschloss
Tourschloss
Die Weiterentwicklung: das Tourschloss

Die Renaissance und die Entdeckung der Liebe zur Technik

Die Faszination, die von historischen Schlössern ausgeht, hat ihre Wurzeln in der Entwicklung, die mit dem Umbruch vom Mittelalter zur Renaissance ihren Anfang nahm. Damit ist der Zauber gemeint, der von dem scheinbar lebendigen Zusammenspiel der mechanischen Bauteile dieser Mechanismen ausgeht. Die Renaissance war die Epoche der großen Entdeckungen und Erfindungen, die Zeit Galileo Galileis und Leonardo da Vincis, und die Mechanik wurde schnell zum Symbol dieser neuen Zeit. Die Kunsthandwerker trugen dem erwachenden Interesse an Wissenschaft und Technik Rechnung, indem sie begannen, die Mechanik gezielt einzusetzen, um ihre Produkte aufzuwerten. Ein typisches Phänomen für die Renaissance-Schlösser sind durchbrochene Schlossdeckel, die den Blick auf das Innere freigeben. Hatte ein Renaissancemensch die horrende Summe für ein Schloss ausgegeben, die diese damals wegen ihrer rein handwerklichen Fertigung kosteten, so wollte er auch sehen, was beim Auf- und Zuschließen im Inneren vor sich ging.

In diesem Zusammenhang entwickelte auch die Erfindung und Konstruktion immer neuer Trickschlösser, mit immer raffinierteren Schlüssellochverstecken, eine neue Blüte. Dabei wurde die Grenze zwischen der zusätzlichen Sicherung durch den »Schlüssel im Kopf« und die Freude an technischer Spielerei immer fließender.

Noch heute gibt es Menschen, die lieber Tausende von Euro für eine mechanische Rolex ausgeben, anstatt eine intelligente Smartwatch zu tragen, die strenggenommen ihren eigentlichen Zweck wesentlich besser erfüllen würde.

Zurzeit der Gotik waren die Schlösser noch auf der Außenseite der Tür angebracht gewesen, was den Vorteil hatte, dass man sie, da der Schlüsselhalm nicht die Dicke des Türblattes überbrücken musste, mit einem relativ kleinen Schlüssel öffnen konnte. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts kam aber der Nürnberger Schlosser Leonhard Danner mit einem Instrument auf den Markt, das er auf den schönen Namen »Dannersche Brechschraube« getauft hatte und von dem er in den Holzschnitten, die er als Werbeblätter verteilen ließ, versprach, dass man damit jedes beliebige Schloss leicht und geräuschlos von der Tür entfernen könne. Die Brechschraube bestand aus zwei Haken, die unter die Schlossdecke geklemmt werden konnten, und einer Gewindestange, die es wirklich kinderleicht machte, das Schloss von der Tür zu reißen.

Dafür, dass sich die Dannersche Erfindung bald zum Verkaufsschlager entwickelte, spricht die Tatsache, dass ab dieser Zeit nahezu alle Schlösser auf der Innenseite der Tür montiert wurden. Für die ästhetische Gestaltung hatte dies den Vorteil, dass die Schlösser nun nicht mehr der Witterung ausgesetzt waren und man für die Verzierung nun alle möglichen neuen Techniken – gravieren, bläuen, ätzen, bis hin zum Bemalen mit Ölfarben – anwenden konnte.

Schliesstechnik der Renaissance in einer Truhe
Statussymbol Schliesstechnik in der Renaissance
Dannersche Brechschraube
Die Dannersche Brechschraube

Der Geist der Aufklärung und die Geburt der Ingenieurswissenschaften

Die Entwicklung der Sicherheitstechnik stand natürlich immer im Kontext der allgemeinen technologischen und naturwissenschaftlichen Entwicklungen der jeweiligen Zeit.

Im Mittelalter war man noch relativ wenig an den Naturwissenschaften interessiert, da man der Meinung war, alle Naturgesetze, das Gefüge des Universums bis hin zur Berechnung des Tages an dem Gott die Welt erschaffen hatte, aus den religiösen Schriften ableiten zu können. Als die Wissenschaftler und Ingenieure der Renaissance begannen, den Geheimnissen der Welt mit Experimenten auf die Spur zu kommen, stießen sie auf den erbitterten Widerstand der Mächte, die an der alten naturphilosophischen Ordnung festhalten wollten. Diese Entwicklung war aber selbst von der Kirche nicht aufzuhalten, und es entwickelte sich das rege Interesse an der Mechanik, auf das hier schon an einigen Stellen hingewiesen wurde.

An den Fürstenhöfen des 16.–18. Jahrhunderts erfreute man sich an allerlei mechanischem Spielzeug. Raffinierte Schlösser waren an den Palasttüren angebracht, mechanische Singvögel zwitscherten lustige Liedchen, komplizierte Uhren zeigten den Verlauf der Gestirne an, und bei Tischgesellschaften fuhren federgetriebene Schlachtschiffe über die Tafel und feuerten ihre Geschütze ab. Der französische König Ludwig der XVI., der 1793 von den Revolutionären enthauptet wurde, war dermaßen von der Funktion komplizierter Schlösser fasziniert, dass er seine Freizeit als Hobbyschlosser verbrachte.

Während man vom 16. bis zum 18. Jahrhundert immer raffiniertere Formen der Verzierung von Schlössern entwickelte, tat sich in der technologischen Weiterentwicklung der Mechanismen recht wenig. Im 18. Jahrhundert wurden aber im Zuge der Philosophie der Aufklärung die Grundlagen gelegt, die die Entwicklung der Ingenieurwissenschaften des 19. Jahrhunderts möglich machen sollten.

Im Jahre 1767 erschien das Buch des Franzosen Duhamel du Monceau, das sich ausschließlich der Beschreibung der Schlosserkunst widmete. In diesem Werk wurden nicht nur alle denkbaren Arten von Schlössern beschrieben, sondern auch die Werkzeuge und einfachen Werkzeugmaschinen, die man für ihre Herstellung benötigte.

Zwischen 1751 und 1771 veröffentlichten die französischen Philosophen und Mathematiker Alembert und Diderot ihre »Encyclopédie des arts e métiers« – Enzyklopädie der Künste und Handwerke. Ziel war es, die technischen Errungenschaften, die bis zu diesem Zeitpunkt gemacht worden waren, zu systematisieren und in einem wahrhaft zyklopischen Werk vorzustellen, in dem auch die Schließtechnik einen wichtigen Platz einnahm.

Hatten die Handwerker zuvor ihr Wissen von Meister zu Gesellen weitergereicht und durch Ausprobieren schrittweise kleine Verbesserungen hinzugefügt, wurde die Konstruktion von Schlössern immer mehr ein Fall für Spezialisten, die sich nicht mehr auf den Zufall verließen, sondern die Schlösser mit wissenschaftlicher Genauigkeit zu planen begannen.

Mit der Entstehung der Zulieferindustrie, bei der die Schlosser vorgefertigte Teile für ihre Produktion ankaufen konnten, wurden Schlösser mit der Zeit immer preiswerter. Vorher hatte man jedes Blech zeitaufwendig von Hand ausschmieden müssen. Im Jahre 1783 nahm der Engländer Henry Cort in Lancaster das erste Walzwerk in Betrieb, mit dem er ungeahnte Mengen von Blech in allerfeinster Qualität herstellen konnte. Bald darauf entstanden auch in Frankreich und Deutschland die ersten Blechfabriken.

Ohne diese Grundlagen wäre der gewaltige Schub, den die technische Entwicklung im Laufe des 19. Jahrhunderts nehmen sollte, undenkbar gewesen. Ab der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wurden innerhalb relativ kurzer Zeit mehr wirklich innovative Erfindungen in der Schließtechnik gemacht als in den gesamten vorhergehenden zwei Jahrtausenden.

Wegbereiter einer neuen Zeit: Robert Barron

Im Jahre 1778 ließ sich der Engländer Robert Barron als erster ein Zuhaltungsschloss patentieren. Die Idee, eine Zuhaltungen in ein Schloss einzubauen, war bahnbrechend und eine radikale Neuerung. Das Grundprinzip sollte später von Chubb weiterentwickelt werden und stellt bis heute die Grundlage für den Bau von Tresorschlössern dar.

Im Barronschloss befanden sich zwei hebelartig bewegliche Zuhaltungen, Messingbleche, auf denen ein Stift aufgelötet war. Der Riegel besaß einen horizontalen Schlitz oder Kanal, der nach oben und unten Kerben hatte, in die die Stifte der Zuhaltungen einrasteten und ihn festhielten.

Der Schlüsselbart wiederum besaß Einschnitte, die die Zuhaltungsbleche gerade so weit anhoben, dass die Stifte aus den Kerben gehoben wurden und durch den Kanal im Riegel hindurchgleiten konnten. Waren die Einschnitte im Schlüsselbart nur ein wenig zu hoch oder zu niedrig, wurde der Riegel blockiert und das Schloss ließ sich nicht öffnen.

In der Umsetzung seiner Idee war Barron aber noch nicht völlig konsequent und hielt am Altbewährten fest, indem er sein Schloss noch immer mit einer Besatzung versah und die Zuhaltungen dieser nur als zusätzliches Sicherheitselement hinzufügte.

Zuhaltungsschloss von Robert Barron
Zuhaltungsschloss von Robert Barron

Die großen Innovationen des 19. Jahrhunderts: Chubb, Yale und Co.

Mit dem Beginn der industriellen Entwicklung konzentrierte sich die Bevölkerung noch stärker in den Städten als je zuvor. Innerhalb weniger Jahrzehnte verzehnfachte, ja verhundertfachte sich die Einwohnerzahl vieler Städte. Wegen dieser großen Konzentration der Bevölkerung auf engem Raum brauchte man nun auch immer mehr und kompliziertere Schlösser.

In der Stadt Velbert, dem Zentrum der deutschen Schlossindustrie, liegen Ursache und Wirkung dieser Entwicklung interessanterweise sehr nah beieinander. Dadurch, dass die ehemaligen Kleinmeister von ihren Höfen in der Umgebung vermehrt in die Stadt zogen, um in den neuen Fabriken zu arbeiten, stieg auch hier mit der Möglichkeit der größeren Produktion gleichzeitig der Bedarf an Schlössern.

Um im industriellen Konkurrenzkampf zu überleben, mussten die neuen Schlosskonstruktionen einige wichtige Kriterien erfüllen. Man musste sie, um den Preis zu senken, mit relativ wenig Aufwand, schnell und in großen Stückzahlen herstellen können. Der Schlosskonstrukteur musste bei der Entwicklung neuer Typen darauf achten, dass sich alle Komponenten des Schlosses maschinell herstellen ließen. Dazu benutzte man Werkzeugmaschinen, die eigens für die Herstellung ganz bestimmter Teile konstruiert wurden. Die ungeheure Kraft, die man für den Betrieb dieser Maschinen benötigte, lieferte die 1769 von dem Schotten James Watt patentierte Dampfmaschine.

Erst mit dieser Entwicklung hörten Schlösser und Schlüssel auf, Prestigegüter zu sein, und wurden zu dem Massenprodukt, das heute für jedermann erschwinglich ist.

Die Massenproduktion von Schlössern stellt für den Konstrukteur eine besondere Herausforderung dar. Der ideale Schlüssel ist der, der wirklich nur zu einem einzigen Schloss passt. Dieser Idealzustand lässt sich aber nur dadurch erreichen, dass Schloss und Schlüssel als absolute Einzelstücke angefertigt werden.

Der Zauber des unüberwindbaren Schlosses

Bei der industriellen Produktion einer großen Zahl von Schlössern kann man sich diesem Ideal aber nur annähern. Dazu muss der Ingenieur eine Konstruktion entwickeln, bei der man durch austauschbare variable Schlossteile (wie den Zuhaltungen beim Chubbschloss oder den Sperrstiften des Zylinderschlosses) eine möglichst hohe Zahl an verschiedenen Schließungen erreicht.

Ein handelsüblicher Zylinder erreicht nach diesem System eine Schlüssel-Variationen von ca. 35.000. Ein Einbrecher, der einen solchen Zylinder ohne Sperrwerkzeug oder Gewaltanwendung öffnen will, müsste also 35.000 Schlüssel mit sich herumtragen und nacheinander ausprobieren, bis er zufällig den richtigen gefunden hätte.

Die erstaunlichen neuen Erfindungen in allen Gebieten der Technik begannen bald, alle Schichten der Bevölkerung zu begeistern. Erfinder und Konstrukteure avancierten zu Megastars und wurden geadelt und geehrt. Mit dieser allgemeinen Technikbegeisterung begann man, sich auch zunehmend öffentlich für Schlösser zu interessieren. So stellte zum Beispiel der weltberühmte Illusionist und Entfesselungskünstler Houdini Schlösser ins Zentrum seiner Schau und versprach, jedes von einem Mitglied des Publikums mitgebrachte Schloss zu öffnen oder sich vor den Augen des Publikums aller erdenklichen Fesseln zu entledigen.

Joseph Bramah dagegen, das Universalgenie unter den Schlosserfindern, ließ sein Schloss öffentlich in einem Schaufenster in Piccadilly in London ausstellen und lockte seine Herausforderer mit einer Belohnung von 200 Goldstücken, sollte es ihnen gelingen, das Schloss zu öffnen. Schloss- und Geldschrankkonstrukteure lieferten sich in den Tageszeitungen heftige Wortgefechte, die von der Öffentlichkeit gespannt verfolgt wurden.

Die Geschichte eines Welterfolges: das Chubbsche Zuhaltungsschloss

Einen Welterfolg erreichte der englische Ingenieur Jeremia Chubb mit dem Schloss, das er sich 1818 patentieren ließ. Dass die Idee, das Grundprinzip von Barron weiter zu entwickeln, quasi in der Luft lag und anscheinend nur darauf wartete, in die Tat umgesetzt zu werden, zeigt die Tatsache, dass sich zu selben Zeit wie der Engländer der Italiener Tossi ein Patent erteilen ließ, welches der Chubb-Konstuktion fast völlig glich.

Ob es sein kaufmännisches Geschick oder die Tatsache war, dass Großbritannien damals das industrielle Zentrum der Welt war, lässt sich nicht genau sagen. Jedenfalls war es Chubb, der dem Zuhaltungsschloss zu seinem Weltruf verhalf.

Chubb kehrte das Prinzip von Barron um und machte es so möglich, eine beliebige Anzahl von Zuhaltungen zu verwenden. Bei seinem Schloss war der Stift am Riegel angebracht, und die Zuhaltungen waren mit den Schlitzen als Führungskanäle versehen.

Wie viele Konstrukteure des selbstbewussten 19 Jahrhunderts, war Chubb von seiner Erfindung so grenzenlos überzeugt, dass auch er einen hohen Geldpreis für denjenigen aussetzte, der es fertigbrächte, sein Schloss ohne den dazugehörigen Schlüssel zu öffnen. Das Schloss war vorher von Experten der englischen Regierung getestet worden. Als sich ein verurteilter Einbrecher der Herausforderung stellte, hatte man so viel Vertrauen in Chubbs Erfindung, dass man ihm, sollte er erfolgreich sein, seine Haftstrafe erlassen wollte. Der ehemaligen Schlosser mühte sich über eine Woche ab, ohne jedes Ergebnis. Die Zeitungen jubelten, dieses Schloss wäre wirklich unüberwindbar!

Umso erstaunter war die Öffentlichkeit, als am 22. Juli 1851, während der großen Weltausstellung in London, der junge Amerikaner A.C. Hobbs in den Cristal Palace spazierte und das dort ausgestellte Schloss in nur 25 Minuten öffnete, ohne es dabei zu beschädigen. Er bediente sich dabei einer Methode, die später nach ihm benannt wurde und heute noch weltweit von Schlüsseldiensten angewendet wird. Mit einem von ihm eigens entwickelten Instrument gelang es ihm, die Zuhaltungen abzutasten und in die richtige Öffnungsposition zu bringen.

Zuhalteschloss von Jeremia Chubb
Kurzzeitig das Sicherste: das Chubbsche Zuhaltungsschloss

Ein Mann lernt aus der Geschichte: Linus Yale Junior

Es ist aber nicht das Chubbschloss, das heute unseren Alltag bestimmt, sondern das 1865 von dem Amerikaner Linus Yale junior patentierte Zylinderschloss. Der Schließzylinder ist der Ur-Ur-Urenkel des Fallriegelschlosses, denn beide funktionieren ganz ähnlich. Dass diese Ähnlichkeit kein Zufall ist, sondern ein Fall, in dem die Menschheit aus der Geschichte gelernt hat, wird schon in Yales Patentschrift klar, in der er offen zugibt, ein Jahrtausende altes Prinzip kopiert zu haben, um ein modernes Schloss zu entwickeln.

Bereits Yales Vater hatte mit der Fallriegelidee experimentiert und ein Schloss erfunden, das heute als Einbausicherung bezeichnet wird. Er ordnete die Stifte radial um das Schlüsselloch und nicht, wie sein Sohn, hintereinander in einer Reihe an. Dies hatte den Nachteil, dass das Schloss einen sehr hohen Verschleiß hatte und sich gegenüber dem Zuhaltungsschloss nicht recht durchsetzen konnte.

Beim Fallriegelschloss ergaben sich die Unterschiede aus der Variation in Abstand und Anzahl der Sperrstifte. Da Schließzylinder industriell in großen Stückzahlen gefertigt werden, sind diese, zumindest bei Zylindern gleicher Bauart, identisch.

Die Schließvariation des Yaleschlosses ergibt sich daraus, dass die Stifte im Zylinder in unterschiedlicher Höhe unterteilt sind, sodass Stiftpaare entstehen. Die Stifte im Kern sind unterschiedlich lang. Da sich im Gehäuse

weitere Stifte befinden, die unter Federdruck stehen, wird der Zylinder blockiert. Führt man den Schlüssel ein, so heben die Kuhlen die Kernstifte gerade so weit an, dass alle Stifte auf einer Ebene sind und man den Kern mit dem Schlüssel drehen kann.

Das Yaleschloss stand zunächst in Konkurrenz zum Zuhaltungsschloss, hat dieses aber mittlerweile in den meisten Lebensbereichen fast völlig verdrängt. Dabei war nicht der Sicherheitswert das Hauptverkaufsargument. Die Zeit, in der sich der Zylinder den Markt eroberte, war die, in denen die Menschen gezwungen waren, immer mehr unterschiedliche Schlüssel, wie Haustür und Büroschlüssel, mit sich herumzutragen.

Da die Schlüssel für das Chubbschloss vergleichsweise groß und schwer waren, entschieden sich immer mehr Käufer dafür, Zylinderschlösser zu benutzen, um nicht durch kiloschwere Schlüsselbünde belastet zu werden. Ein weiterer Vorteil des Yaleprinzips war es, dass der Zylinder ein vom Schloss unabhängiges Element ist, das man, hat man den Schlüssel verloren, einfach austauschen kann. Da die einzig variablen Teile der Konstruktion, die Sperrstifte, wesentlich einfacher anzufertigen sind als Zuhaltungen, lassen sich Yaleschlösser sehr preisgünstig herstellen.

Das erste Zylinderschloss
Das erste Zylinderschloss

Andere Länder, andere Schlösser

Auch heute noch haben Menschen verschiedener kultureller Herkunft ganz unterschiedliche Vorlieben, was die Wahl ihrer Schlösser betrifft. Oft gehen diese auf kulturelle Gewohnheiten zurück, die tief in den jeweiligen Regionen verwurzelt sind, ohne dass sich die Menschen über ihre Gründe bewusst wären.

In Großbritannien wird man vergeblich nach dem Profilzylinder suchen, der in Mitteleuropa in nahezu jeder Haustür zu finden ist. Die Engländer bevorzugen den Rundzylinder, der sich in Deutschland nie so recht durchsetzten konnte, da man sich hierzulande nicht daran gewöhnen wollte, den Schlüssel quasi falsch herum, mit den Zacken nach oben, ins Schloss zu stecken. Erst in den 1920er Jahren mit der Einführung des Profilzylinders, der dem Rundzylinder gegenüber gewisse konstruktive Nachteile besitzt, dafür aber »richtig herum« aufgeschlossen werden kann, setzten sich auch in Deutschland die Zylinderschlösser durch.

Auch Schlösser an Türen innerhalb des Hauses, die man ja ohnehin so gut wie nie benutzt, kennt man im angelsächsischen Raum kaum. Schlösser waren in vorindustrieller Zeit, da sie aufwendig in Handarbeit gefertigt wurden, sehr teuer und daher der »pure Luxus«. Eine solche Zurschaustellung persönlichen Reichtums ließ sich nicht mit dem Bescheidenheitsgedanken der puritanisch-calvinistischen Engländer vereinbaren, sodass man sich hier bis heute auf einfache Türverschlüsse beschränkt.

Eine weitere interessante Tatsache ist, dass sich die Menschheit im ganzen in zwei Gruppen von Schlossbenutzern aufzuteilen scheint: in die Vorhangschloss-Völker und die Länder, in denen man die Schlösser fest in die Tür einbaut.

In weiten Teilen der islamischen Welt war es noch bis vor wenigen Jahrzehnten sehr viel üblicher, die Haustür mit einer Kette und einem Vorhängeschloss abzuschließen als ein Schloss fest in die Tür einzubauen. Dieser Brauch scheint daher zu stammen, dass viele der muslimischen Länder ursprünglich von Nomaden bewohnt wurden, die darauf angewiesen waren, auch ihre Schlösser von einem Lagerplatz zum anderen mitzunehmen. Diese Vorliebe hat sich aber weit über den Zeitpunkt der Sesshaftwerdung dieser Völker hinaus erhalten. In Regionen, in denen man vom Ackerbau lebte, war es dagegen von jeher selbstverständlich, die Schlösser fest in die Tür einzubauen.

Ein besonders interessanter Fall ist Japan. Hier kannte man bis vor gut 150 Jahren überhaupt keine fest eingebauten Schlösser.

Wer schon einmal einen Samuraifilm gesehen hat, wird sich vielleicht an die leichten Papier-Schiebetüren erinnern, die in der traditionell japanischen Architektur das Bild bestimmen. Diese leichten Türen und die leichte Bauweise alter japanischer Häuser insgesamt erklärt sich daraus, dass die Insel eine der erdbebengefährdetsten Regionen des Erdballs ist. Bei einem Erdstoß brechen diese Häuser nicht in sich zusammen, sondern schwingen mit der Erde mit. Hat man aber dünne Wände und Türen aus Papier, lohnt es sich nicht, diese mit schweren Schlössern zu verschließen, sondern man bewahrt seine Habseligkeiten in Truhen innerhalb des Hauses auf und verschließt diese mit Vorhängeschlössern. Diese Situation änderte sich erst, als man auch in Japan begann, mit Beton zu bauen. Denn Beton verbindet Elastizität mit Festigkeit.

Vorhängeschloss mit Kette
Vorhängeschloss an einer Holztür

Geldschrankschlösser: Bramah versus Kromer

Neben der Sicherung von Wohnhäusern bildet die Entwicklung von Hochsicherheitsschlössern im Tresor- und Geldschrankbau einen faszinierenden Zweig der Sicherheitstechnik. Seit dem 16. Jahrhundert bis vor ungefähr 150 Jahren verwendete man zur Geldaufbewahrung eiserne Kassen. Diese Geldbehälter bestanden aus relativ dünnem Blech, so dass man sie – z.B. auf Feldzügen zur Bezahlung der Soldaten – transportieren konnte.

Die Besonderheit der Kassen waren ihre aufwendig gestalteten Kassendeckelschlösser – Mehrpunktverriegelungen, die im Deckel der Eisentruhen eingebaut waren. Noch heute faszinieren diese Mechanismen durch das komplexe Zusammenspiel ihrer Einzelteile. Gemäß dem Renaissance-Motto »wertvoll durch Technik« begann man, ähnlich komplizierte Schlösser auch in kleine kostbare Kästchen einzubauen. Hier waren sie reine Spielerei, denn bei den dünnen Wänden dieser kleinen Kunstwerke reicht ein Hammerschlag, um an den Inhalt zu gelangen.

Das klassische Kassendeckelschloss basiert auf dem Prinzip des Schnappschlosses. Die diversen Riegel stehen unter ständigem Federdruck und bleiben beweglich. Der Unterschied zur einfachen Variante besteht darin, dass der Druck, den man mit dem Schlüsselbart gegen den Hauptriegel ausübt, über ein Hebelgestänge auf die einzelnen Riegel verteilt wird, die den Deckel rundherum verriegeln. Da bewegliche oder auch schießende Riegel relativ unsicher sind, begann man zu Beginn des 19. Jahrhunderts anstelle der Hebel- Zahnradgestänge zu verwenden. Das Aus für die Kassen kam um das Jahr 1850, was vor allem daran lag, dass sich zu dieser Zeit zwei Erfindungen immer weiter durchsetzten.

Die eine dieser beiden Neuerungen war das Acetylenschweißgerät, mit dem man die dünnen Bleche der Kassen im Nu aufschweißen konnte. Entscheidender allerdings war, dass sich vor ungefähr 150 Jahren das Papiergeld immer weiter durchzusetzen begann, so dass der Inhalt der Geldbehälter nicht mehr nur vor Einbrechern, sondern auch vor Hitze geschützt werden musste. Deshalb bestanden die Wandungen der Geldschränke nicht mehr nur aus Eisen, sondern, grob gesprochen, aus Eisenaußenwänden, die mit Schamottzement verfüllt wurden.

Die Hersteller des 19. Jahrhunderts gingen, um die Feuerfestigkeit ihrer Produkte zu demonstrieren, so weit, dass sie (Technikbegeisterung und Selbstbewusstsein des 19. Jahrhunderts!) ihre Tresore auf öffentlichen Scheiterhaufen über Stunden und Tage bis zur Weißglut erhitzten.

Kassendeckelschloss
Kassenschlager für ein halbes Jahrhundert: das Kassendeckelschloss

Ein mechanischer Genius: Joseph Bramah

Das Schloss des Joseph Bramah, 1784 erfunden, setzte sich im 19. Jahrhundert als Haustürschloss nicht recht durch, da viele Komponenten nach wie vor aufwendig von Hand gefertigt werden mussten und es deshalb sehr viel teurer in der Herstellung war als die Zuhaltungsschlösser. Was den Sicherheitswert betraf, war es seinen Konkurrenten aber haushoch überlegen und wurde deshalb vor allem im Tresorbau eingesetzt.

Das Kernstück des Bramahschlosses sind Metallplättchen, die in einer bestimmten Höhe eingekerbt und radial um das Schlüsselloch angeordnet sind. Das Ende des Schlüsselhalmes besitzt unterschiedlich tiefe Einschnitte. Diese schieben die Plättchen gerade so tief ins Schloss, dass die Kerben rund um den Zylinder herum auf derselben Höhe sind, sodass er sich vom Schlüsselbart drehen lässt.

Wieder war es A.C. Hobbs, der es 1851, also 67 Jahre nach Erteilung des Patents und 41 Jahre nach dem Tod des Erfinders, als erster schaffte, ein Bramahschloss zu überwinden. Allerdings brauchte er, anders als die wenigen Minuten in denen er das Chubbsche Schloss geknackt hatte, sechzehn Tage, um es zu öffnen.

Bramah war ein Universalgenie und machte sich besonders durch Erfindungen in der Hydraulik verdient. Er erfand eine hydraulische Presse, Pumpen für Wasserwerke und ersann die Zapfanlage, mit der noch bis heute in allen Pubs des Vereinigten Königreiches Bier ausgeschenkt wird. Sein Einfallsreichtum erscheint beinahe grenzenlos, und zu seinen weiteren Patenten gehören eine Maschine zum Numerieren von Banknoten und ein Gerät zum Anspitzen von Gänsefedern zum Schreiben.

Schloss von Joseph Bramah
Ein sicheres Schloss für Tresore entwickelt von Joseph Bramah

Theodor Kromer: Das Protektorschloss

Das Bramahschloss findet heute nur noch selten Verwendung, denn an seine Stelle trat mit der Zeit das Protektorschloss des deutschen Theodor Kromer und seiner Nachfolger. 1874 patentiert, konnte es komplett maschinell hergestellt werden und war somit preisgünstiger als das Bramahschloss. Das Protektorschloss ist im Kern ein Zuhaltungsschloss. Die Zuhaltungen sind aber nicht hebelartig aufgehängt, sondern befinden sich in einem drehbaren Kern. Der Schlüssel hat zwei Bärte, wirkt somit zweifach auf die Zuhaltungen und erreicht so eine Schließvariation von 87 Millionen. Im Tresorbau erlebte in Form der Zahlenkombinationsschlösser auch der »Schlüssel im Kopf« eine erneuerte Renaissance. Gegenüber all ihren Vorgängern hatten diese aber jetzt den Vorteil, dass man ihre Kombination jederzeit verändern konnte.

Noch heute ist der Panzerknacker, der sein Ohr an die Tresorwand legt und in sekundenschnelle das komplizierte Schloss öffnet, ein beliebtes Motiv im Kino und im Fernsehen. Bei dieser Darstellung handelt es sich aber, wie bei so vielen typischen Filmmotiven, um ein Märchen, denn bereits seit den 1920er Jahren kann man die Kombinationsschlösser so genau fertigen, dass sie beim öffnen keinerlei Geräusche von sich geben. Außerdem kann man nur bei relativ einfachen Geldschränken die Tür direkt mit dem Kombinationsschloss öffnen, denn bei Tresoren höherer Sicherheitsstufen verschließen diese nur das Schlüsselloch – greifen also eine Tradition auf, die bis zu den Maskendeckelschlösschen der römischen Zeit zurückreicht.

Protektorschloss
87 Millionen Schließvariationen: das Protektorschloss

Ein Treppenwitz der Geschichte: der Keuschheitsgürtel

Der Keuschheitsgürtel stellt in der Sicherheitstechnik kein wirklich wichtiges Phänomen dar, soll aber hier kurz erwähnt werden, um mit einigen Vorurteilen aufzuräumen. Der Leser wird sich vielleicht darüber wundern, dass der Keuschheitsgürtel an dieser Stelle und nicht im Rahmen des Mittelalterkapitels erwähnt wird. Der Grund dafür ist ganz einfach: Keuschheitsgürtel waren im Mittelalter gänzlich unbekannt. Wie es häufig bei Themen der Fall ist, die mit Sexualität zu tun haben, werden auch beim Keuschheitsgürtel, zumeist mit leichtem Kichern und hinter vorgehaltener Hand, die immer gleichen Märchen weitererzählt.

Vergessen wir also den frustrierten Kreuzritter, der seine Frau über Monate einschließt, denn ihn hat es nie gegeben.

Erstmalig erwähnt werden Keuschheitsgürtel im Florenz der Renaissance. In Deutschland tauchen sie in sehr geringen Zahlen während des Dreißigjährigen Krieges auf, wo sie gelegentlich und für kurze Zeit von Frauen benutzt wurden, die sich vor den Übergriffen herumstreunender Soldaten schützen wollten.

Fast alle der Exemplare, die mit Vorliebe in den Folterkammern irgendwelcher Burg- und Schlossmuseen gezeigt werden, sind gerade einmal hundert Jahre alt. Sie wurden ausgerechnet im puritanischen England und zu allem Überfluss auch noch zur Regierungszeit der sittenstrengen Königin Viktoria als erotische Spielzeuge hergestellt und, wahrscheinlich in unauffälliger Verpackung, per Katalog verkauft.

Eine dieser Firmen existiert noch heute und strengte in den 1970er Jahren vergeblich einen Prozess an, um von der Mehrwertsteuer befreit zu werden. Das Argument war, dass es sich bei ihren Produkten um Verhütungsmittel handele.

Sicherheitstechnik am Scheideweg: Vom Fallriegel zum Mikrochip

Nachdem wir mit Siebenmeilenstiefeln durch 4000 Jahre Menschheitsgeschichte geeilt sind, erscheint es an der Zeit, einen Ausblick in die Zukunft zu wagen, die heute schon begonnen hat. In fast allen Bereichen der Technologie gibt es einen historischen Ablauf. Zuerst werden die Vorgänge von den Menschen selbst erledigt, dann ersinnt man mechanische Lösungen und zuletzt bedient man sich der Elektronik. Zurzeit befindet sich die Sicherheitstechnik in der Phase des Umbruchs zum nächsten, zum elektronischen Stadium.

Während sich elektronische Verschlusssysteme im Automobilbereich vollständig durchgesetzt haben, halten sie derzeit in der Haussicherung Einzug. Was zu Beginn des Jahrtausends vornehmlich in Hochsicherheitsbereichen von Banken oder Computerfirmen Anwendung fand, ist dank Internet und Smart-Home jetzt auch für Endverbraucher zugänglich.

Mit der Erfindung der elektronischen Schlösser vereinigte sich die Schließtechnik mit einer Schwesterdisziplin, der Kryptographie oder Verschlüsselungstechnik. Betätigt man ein modernes elektronisches Transponderschloss, so übermittelt der Sender im Schlüssel eine chiffrierte Nachricht an den Empfänger im Schloss, der ihr befiehlt, sich zu öffnen.

Bereits die alten Griechen hatten Methoden entwickelt, um im Kriegsfalle Nachrichten verschlüsseln zu können. Ein großer Durchbruch in der Geschichte der Verschlüsselung gelang in der Renaissance dem Italiener Battista Alberti (1404–72) mit der Erfindung der Chiffrierscheibe. Den Höhepunkt erlebte der Kampf um die Geheimcodes mit der Entschlüsselung des Deutschen Enigma-Codes durch die Engländer im Zweiten Weltkrieg, die zur Niederlage der Deutschen Flotte im Atlantik führte. Mit Smartphone und Internet ist die Kryptographie heute zum Bestandteil des täglichen, zivilen Lebens geworden. Dem mechanischen Schloss lag freilich ebenfalls schon das »Geheimcodeprinzip« zu Grunde. Auch ein normaler Schlüssel ist eine Art von Datenträger, wenn auch ein rein mechanischer. So könnte man auch die Information, die ein Zylinderschlüssel enthält, in Zahlen ausdrücken und diese einem anderen Menschen übermitteln, der so ein Duplikat des Originalschlüssels anfertigen könnte, ohne ihn jemals in der Hand gehabt zu haben. Der Vorteil der Elektronik liegt unter anderem darin, dass die Variationsmöglichkeiten gegenüber den ca. 35.000 verschiedenen Kombinationen, die bei handelsüblichen Zylinderschlüsseln möglich sind, in die Millionen gehen und sich bei bestimmten Typen auch noch mit jedem Schließvorgang verändern.

Der Mensch wird zum Schlüssel

Ein weiterer Trend, der im Moment in der Sicherheitstechnik zu finden ist, ist, den Menschen selbst zum Schlüssel zu machen. Die Technik, Eigenschaften des menschlichen Körpers als Wiedererkennungsmerkmal zu benutzten, wird Biometrie genannt. Mutter dieser Wissenschaft, die eine traurige Karriere in der Rassenforschung hinter sich hat, ist die sogenannte Daktyloskopie – die Wiedererkennung durch den Fingerabdruck. Bereits die alten Chinesen wussten um die Einzigartigkeit des menschlichen Fingerabdrucks, und es war im Reich der Mitte schon um 700 v.Chr. üblich, Urkunden mit einem Daumenabdruck zu unterzeichnen.

Als Vater der modernen Fingerabdrucktests gilt der Engländer William Herschel, der 1877 als Verwaltungsangestellter der Kolonialregierung in Kalkutta beschäftig war. Er war mit der Auszahlung von Löhnen und Pensionen betraut und hatte das Problem, dass viele seiner Schützlinge sich ihre Bezüge doppelt auszahlen ließen. Durch die Kontrolle der Fingerabdrücke machte Herschel diesen Missbrauch unmöglich.

Für die Kriminaltechnik wurde die Daktyloskopie aber erst wertvoll, nachdem sie von Henry Fauld, Francis Galton und Sir Edward Henry, dem Polizeichef von Scotland Yard, zu einer exakten Wissenschaft weiterentwickelt wurden. In England wurde der Fingerabdrucktest 1902 zum rechtsgültigen Beweismittel erklärt. 1914 auch in Frankreich zum ersten Mal eingesetzt, half der Fingerabdrucktest, den aufsehenerregenden Raub der Mona Lisa aus dem Louvre aufzuklären, bevor dieses einmalige Kunstwerk beinahe auf Nimmerwiedersehen in dunklen Kanälen verschwunden wäre.

Neben Fingerabdruckscannern verwendet man in der biometrischen Schließtechnik vor allem Geräte, die die Iris des Auges untersuchen oder charakteristische Merkmale des Gesichtes wiedererkennen können. Die Anwendung biometrischer Systeme ist meiner Meinung nach nicht unproblematisch, weil man sich, wurde das System einmal überlistet, keinen neuen Schlüssel verschaffen kann. Denn wer wäre schon in der Lage, sich nach einem Einbruch neue Augen, Gesicht oder Hände zuzulegen.

Die Fachwelt hat biometrische Zugangskontrollsysteme getestet, und alle ließen sich mit sehr einfachen Mitteln überlisten. Es scheint also, dass diese Technik noch einiger Verfeinerung bedarf, bevor sie wirklich sicher ist. Allerdings verfeinern sich, wie schon seit den ersten Tagen der Schließtechnik in grauer Vorzeit, auch immer die Einbruchsmethoden der Verbrecher. Dieser Wettlauf, der vor über 4000 Jahren begann, ist also auch heute noch lange nicht zu Ende.

Fingerabdruck
Türe öffnen per Fingerabdruck

Exkurs: Das Deutsche Schloss- und Beschlägemuseum

Das Deutsche Schloss- und Beschlägemuseum verdankt seine Gründung im Jahre 1936 der Tatsache, dass man sich in Velbert, dem Zentrum der Deutschen Schloss- und Beschlagindustrie, schon damals der wirtschaftlichen Einzigartigkeit des Standortes bewusst war. Das Museum illustriert aber nicht nur die Geschichte des Velberter Schlossgewerbes, sondern es zeigt die weltweite Entwicklung von Schlössern und Beschlägen von ihren Anfängen in der Antike bis in die heutige Zeit. Im Laufe der Jahrzehnte ist es gelungen, eine Sammlung zusammenzustellen, die nicht nur in Deutschland in ihrer Art einmalig ist.

Viele der Mechanismen können vom Besucher ausprobiert werden, sodass er die Funktionsweisen im wahrsten Sinn des Wortes selbst »begreifen« kann. Neben den Finessen der Technik kann man hier die Kunstfertigkeit der Handwerker vergangener Jahrhunderte bestaunen. In Velbert beschränkte sich die Schlossherstellung auf recht einfache Typen, die für den täglichen Gebrauch bestimmt waren.

In den bedeutenden Städten des Mittelalters und an den Fürstenhöfen erreichte die Schlosserei aber ein sehr hohes kunsthandwerkliches Niveau. Da diese Schlösser und Schlüssel in langwieriger Handarbeit hergestellt wurden, waren sie kostbare Güter und deshalb auch Statussymbole. Daher verwendete man oft große Sorgfalt auf ihre Verzierung.

Das Museum ist aber auch für andere Kulturen aufgeschlossen. Die Sammlung beschränkt sich nicht auf Objekte aus Deutschland, sondern 56 Länder sind mit Museumsstücken vertreten. Die Beispiele aus Afrika, Europa und Asien machen deutlich, dass dem Einfallsreichtum der Menschen in der Konstruktion und Verzierung ihrer Schlösser kaum Grenzen gesetzt sind. Das Thema »Beschlag« beinhaltet eine große Bandbreite von verschiedenen Objekten. Neben den klassischen Baubeschlägen werden im Museum Buchbeschläge, aber auch Metallapplikationen für Kleidung und Griffbeschläge etruskischer, griechischer und römischer Metallgefäße gezeigt.

Von den meisten Besuchern unbemerkt geht die Arbeit des Museums aber über die Präsentation der Schausammlung hinaus. Das Museum besitzt eine umfangreiche Fachbibliothek und einen einzigartigen Bestand von historischen Katalogen, Patentschriften und Archivalien, die immer wieder von Wissenschaftlern, Sammlern, Gestaltern und Vertretern der Industrie für Forschungszwecke genutzt werden.

 

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Quellenangaben:

Antike

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Jacobi, L.: Die Schlösser von der Saalburg, Homburg vor der Höhe 1897.

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Reuleaux, F. (Hg.): Buch der Erfindungen. Gewerbe und Industrien, Bd. 6: Mechanische Bearbeitung der Rohstoffe, Berlin und Leipzig 1887, S.

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Feyerabend, E.: Von der Vermessung des Schädels zur Analyse der DANN, In: Zeitschrift für Analyse und Kritik 2002.

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