Fachwerkhaus-Sanierung in Sipplingen am Bodensee

Vom Fuchsbau zum Schmuckstück - Die Rettung eines Rebmannhauses am Bodensee

Das Dach notdürftig abgedeckt, die Fassaden von Efeu bewachsen und im Innern als auch im Garten Unmengen an Sperrmüll und Schutt, den keiner mehr braucht. In diesem Zustand präsentierte sich das Rebmannhaus Eckteil 24 noch vor wenigen Jahren den Bewohnern von Sipplingen am Bodensee. Zweimal stand das denkmalgeschützte Haus kurz vor dem Abbruch. Kein Wunder, schliesslich haben sich die Grundstückspreise in der Region in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Doch die Gemeinde und die zuständige Denkmalbehörde boten jeglichen Abrissanträgen unbeirrbar die Stirn, dabei stets auf der Suche nach einer Lösung für den Erhalt des altehrwürdigen Fachwerkhauses. Im Sommer 2013 endlich zwei Lichtblicke. Das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg sichert eine zusätzliche Förderung für die Instandsetzung des Rebmannhauses zu und die Familie Möhrle-Schmäh zeigt Interesse eine umfassende und denkmalgerechte Sanierung durchzuführen. Was dann folgte, war wohl das größte Glück, das dem Haus in seiner langen Geschichte je widerfahren ist.

Die blaue Stube mit Panoramablick
Die blaue Stube mit großzügigem Fensterband
Eine alte Aufnahme des Rebmannhauses
Eine alte Aufnahme vom Rebmannhaus

Ein besonderes Haus in einer besonderen Region

Wer die große Stube im Obergeschoss betritt kann sich gut vorstellen wie es einmal war. Damals als der Blick auf den See noch unverbaut war und vor dem Haus noch Weinreben standen von deren Anbau die Menschen im Dorf fast ausschließlich lebten. Nachweislich ab dem 13. Jahrhundert wurde in Sipplingen Wein angebaut. Fruchtbare Böden, steil abfallende Hänge und die Reflektionsstrahlung am nördlichen Ufer des Bodensees schufen damals wie heute ideale Bedingungen für den Wein- und Obstanbau.

Das Gesicht Sipplingens hat sich seitdem sehr verändert. Viele Fachwerkfassaden, sofern sie nicht abgerissen wurden, fielen den klassischen Sanierungssünden der Nachkriegszeit zum Opfer. Sie wurden begradigt, verputzt und mit unpassenden Fenstern und grauen Rollläden zweckmäßig entstellt.

Nachbarn berichteten von früher

Eine solch lieblose Sanierung kam für die Familie Möhrle-Schmäh nicht nur aufgrund der Denkmalschutz-Auflagen keinesfalls in Frage. Bei Gesprächen mit Nachbarn erfuhren die neuen Besitzer immer mehr über die Geschichte des Hauses und welche Bedeutung es für die älteren Bewohner Sipplingens bis heute hat. Berthilde Schirmeister ist 1935 im Rebmannhaus geboren. Mit strahlenden Augen erzählt sie von Ihrer unbeschwerten Kindheit und Jugend im Haus. Vom großen Aprikosenbaum, der im Garten stand und wie sie aus dem Fenster der großen Stube die reifen Früchte erntete oder wie die Familie im Ofen Apfel-Dinnerle backte, deren Geschmack sie heute noch auf der Zunge hat. Mit Ihrem unverwechselbaren allemanischen Dialekt sagt sie „Herr Schmäh hätte mir keine größere Freude machen können. Als ich das erste Mal nach der Sanierung hier vorbeilief hätte ich fast angefangen zu weinen und wenn ich das Haus im heutigen Zustand sehe, würde ich am liebsten direkt wieder einziehen.“ 

Sebastian Schmäh und Frau Schirmeister vor dem Rebmannhaus
Wuchs im Rebmannhaus auf: Berthilde Schirmeister (mit im Bild Sebastian Schmäh)

Einsturzgefahr nach 15 Jahren Leerstand

Sebastian Schmäh, seines Zeichens in sechster Generation Firmeninhaber des Familienbetriebs Holzbau Schmäh in Meersburg, ist Zimmermeister und staatlich geprüfter Restaurator. Sein Betrieb hat sich in den letzten Jahren auf genau solche Sanierungsaufgaben spezialisiert und so war die Messlatte von Anfang an sehr hoch gelegt.
„Bei einer der ersten Begehungen kam uns einmal ein Fuchs entgegen“, erinnert sich Schmäh an seine ersten Eindrücke vom Haus. Der desolate Zustand schreckte den Mann vom Fach nicht ab. Ganz im Gegenteil: „Bei der ersten Besichtigung habe ich mich sofort in die große Stube und das Dachgeschoß verliebt!“ sagt er heute.
Mehr als 15 Jahre stand das Haus zuvor leer. Schäden am Dach und im Fachwerk ließen Wasser eintreten. Zudem war das Gebäude zum Zeitpunkt der Veräußerung stark einsturzgefährdet und so bestand die erste Maßnahme der neuen Bauherren darin Dach und Decken notzusichern.

Erbaut vor über 450 Jahren

Eine bauhistorische Untersuchung brachte neue Erkenntnisse zutage. Anhand einer dendrochronologischen Untersuchung konnte das Baujahr des ersten Bauabschnittes auf das Jahr 1662 bestimmt werden. 18 Jahre später erfolgte in Richtung Südosten eine Erweiterung um eine etwa 6 Meter breite Querzone, was heute noch deutlich an den gestoßenen Wandrähmen und Geschossschwellen erkennbar ist. Damit ist das Haus eines der ersten Gebäude, das nach dem Dreißigjährigen Krieg in Sipplingen entstand.
Im 19. Jahrhundert wurde der Wohnraum und vermutlich auch die Besitztümer des Hauses geteilt. In der großen Stube wurde damals das großzügige Fensterband mit Blick auf den See entfernt und durch ein kleineres Fenster ersetzt. Ob der bis heute erhaltene Ofen aus dem Jahr 1820, der fortan die große Stube beheizte, dem Fensterband aus energetischen Gründen den Gar aus machte, ist allerdings nicht bekannt.

Gaubenfenster die nach außen öffnen
Nach außen öffnende Gaubenfenster
Terrassentür für denkmalgeschütztes Fachwerkhaus
Terrassentür mit Sprossenfenster im Erdgeschoss

Gleiche Raumaufteilung, andere Nutzung

Die damalige Raumaufteilung haben die heutigen Besitzer fast unverändert übernommen. Lediglich die Nutzung änderte sich zum Teil. Der ehemalige Kelterraum im Erdgeschoss wurde zum Wohnraum umgestaltet. Hohe Decken, der Stampflehm-Boden, ein großzügiger Lichteinfall durch die denkmalgerechten Sprossenfenster und der Zugang zur Naturstein-Terrasse machen diesen Raum zu einer besonderen Wohnstube. Von dort gelangen die künftigen Bewohner über den angrenzenden Flur zu Schlafzimmer, Küche und Badezimmer.
Der außen gelegene Laubenaufgang auf dem sich heute nur noch angedeutet der frühere Abort befindet, führt in die mit 120 qm geräumige obere Etage. Gleich links hinter der Eingangstüre geht es in die gemütliche blaue Stube mit dem besagten zweihundert Jahre alten Ofen und seinen unverwechselbaren grünen Kacheln. Er soll weiterhin für angenehme Strahlungswärme im Haus sorgen. Zwei weitere Zimmer, eine große Küche und ein Badezimmer sowie das ausgebaute Dachgeschoß samt weiterem Bad schaffen hier oben mehr Wohnraum, als man es von außen denken mag.

Denkmalgerechtes Fensterkonzept

Fenster verlangen in einem Haus mit Denkmalschutz eine behutsame Vorgehensweise. Das weiß natürlich auch Sebastian Schmäh und so war schnell klar, dass die aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert stammenden einfachverglasten Fenster erhalten werden sollten. Entsprechend sorgfältig wurden sie restauriert und von der Innenseite mit zierlichen isolierverglasten Innenvorfenstern zum Kastenfenster aufgewertet. So bietet der Fensterverbund aus historischen und neuen Fenstern optimale Wärme- und Schallschutzwerte.

Das Dachgeschoss wurde um vier neue Schleppgauben erweitert. Angepasst auf die Breite der vorhandenen Sparren, wurden die Gauben so aufgesetzt, dass kein Eingriff in die historischen Balken des Dachstuhles erfolgen musste. Die Gaubenfenster mit aufliegendem Stangengetriebe öffnen nach außen, was zum Vorteil hat, dass die Fensterbank und der dahinter liegende Wohnraum genutzt werden kann. Beim Stoßlüften muss nichts ab- oder weggeräumt werden.

Verglasung des Fachwerkgiebels hinter den Balken
Der verglaste Fachwerkgiebel

Fachwerk-Verglasung behutsam umgesetzt

In der Denkmalpflege umstritten ist die Verglasung von Fachwerk oder das Einsetzen von ganzen Fensterlementen in die Zwischenräume. Bei der Sanierung des Rebmannhauses entschieden sich die Bauherren deshalb für einen gegenüber der historischen Bausubstanz äußerst rücksichtsvollen Weg. Ein Fensterband wurde hinter den Fachwerkgiebel im Obergeschoss eingesetzt. Das Fachwerk als auch die gefüllten Gefachungen blieben dabei unversehrt, denn es waren bereits Felder ohne Füllungen mit Klappen vorhanden.   

Ein vergleichsweise größerer Eingriff hingegen war der Rückbau des Fensterbandes in der großen Stube des Obergeschosses. Die bauhistorische Untersuchung bewies, dass bereits 1680 beim Bau des Hauses die Fenster in dieser Anordnung errichtet wurden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wegen des einzigartigen Blickes auf den See. „Auch wenn der Seeblick heute nicht mehr uneingeschränkt möglich ist, gehören die Panorama-Lichtausschnitte von damals zum Charakter des Hauses.“ beschreibt Sebastian Schmäh die Entscheidung für den Rückbau.

Vier Jahre Sanierungszeit

Zu Beginn des Sommers 2020 ist die Sanierung des Rebmannhauses nach vier Jahren abgeschlossen. Eine halbe Millionen Euro hat das Ehepaar Möhrle-Schmäh investiert. 160.000 Euro stammen aus dem Förderprogramm „Instandsetzung leerstehender Kulturdenkmale in dörflichen und kleinstädtischen Ortskernen“ des Landes Baden-Württemberg. Darüber hinaus können die Eigentümer einen Teil der Kosten für die denkmalkonforme Sanierung über die Denkmal-AfA in den nächsten Jahren steuerlich geltend machen.

Rebmannhaus Eckteil 24 mit denkmalgerechten Sprossenfenstern
Das Haus mit Terrasse und Garten

Denkmalsanierung mit Auszeichnung

Die Rettung des Rebmannhauses in Sipplingen zeigt, dass es in vielerlei Hinsicht lohnt sich dem Abriss- und Erneuerungsdruck an umkämpften Immobilienmärkten entgegenzusetzen um die kulturellen Werte unser Vorfahren zu sichern und für nachkommende Generationen zu erhalten. Die Eheleute Möhrle-Schmäh haben sich auf dieses Abenteuer eingelassen und werden entsprechend honoriert. Im Jahr 2020 ging der Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg an das Sanierungsprojekt Rebmannhaus Eckteil 24.

Im Dezember 2020 wurde das Denkmalprojekt zudem mit dem Effizienzpreis Bauen und Modernisieren mit der Prämierungsstufe Gold in der Kategorie Modernisierung im Denkmalschutz vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Zwei Familien mit Kindern füllen das besondere Haus am Bodensee bereits wieder mit Leben. Und wer weiß, vielleicht erfreuen sich die Kinder auch eines Tages daran die Früchte des neu gepflanzten Aprikosenbaums aus dem Fenster der blauen Stube zu ernten.

Sie sind auf der Suche nach einem Fachbetrieb für Denkmalfenster? Füllen Sie einfach unser Anfrageformular aus. Wir vermitteln Sie kostenfrei an einen Fachbetrieb in Ihrer Region.

---> HIER GEHT ES ZU UNSEREM ANFRAGEFORMULAR

Copyright für Titelbild, Blaue Stube und Alte Ansicht: Holzbau Schmäh, Meersburg