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Produktionshalle für mundgeblasenes Fensterglas der Glashütte Lamberts in Waldsassen

Mundgeblasenes Fensterglas: Für authentische Fassaden im Denkmalschutz

Die Industrialisierung der Fensterglas-Produktion begann vor etwa einem Jahrhundert. Fensterglas wurde zum funktionalen und makellosen Massenprodukt. Viele historische Hausfassaden, die heute Denkmalschutz genießen, verloren im Rahmen dieser Entwicklung einen Teil ihrer Identität. Bewegte Glasoberflächen in denen sich die Außenwelt in unnachahmlicher Art und Weise spiegelte, verschwanden nach und nach. In der Glashütte Lamberts im Nordosten Bayerns wird Fensterglas noch im traditionellen Mundblas-Verfahren hergestellt. Ein Gastbeitrag von Michael Brückner seines Zeichens technischer Berater bei Lamberts.

Großformatiges und völlig planes Flachglas ist Sinnbild moderner oder postmoderner Architektur und seit Mitte des 20. Jahrhunderts in nahezu unbegrenzter Menge verfügbar. Blickt man in die Geschichte, waren flache Glasscheiben zum Verschluss von Fensteröffnungen jedoch weit entfernt von einem Alltagsprodukt. Noch bis in die 1920er Jahre wurden Flachgläser rein handwerklich im Mundblasverfahren hergestellt. Diese Technik erlaubte vollständig transparente Glastafeln mit beidseitig feuerpolierten Oberflächen und wurde mit der Entwicklung der Glasmacherpfeife ab etwa dem 2. Jhd. n. Chr. möglich.

Handgegossenes Flachglas
Handgegossenes Flachglas

Das Herstellungsverfahren von mundgeblasenem Fensterglas

Im Gegensatz zu den bis dahin üblichen Gussgläsern, bei denen die heiße, zähflüssige Glasmasse auf eine ebene, feuerfeste Unterlage gegossen und direkt zu einer möglichst gleichmäßig flachen Glastafel ausgebreitet werden musste, wird bei mundgeblasenem Glas als Zwischenschritt zunächst ein Hohlkörper erzeugt.

Dazu wird eine gewisse Menge an heißem Glas auf die Spitze der Glasmacherpfeife aufgenommen, durch gleichzeitiges Drehen und Blasen mit dem Mund in Holzmodeln vorgeformt und schließlich zu einem länglichen Ballon aufgeblasen. Beidseitig geöffnet ergibt sich ein hohler Zylinder, der für die Glassorte namensgebend ist. Da sowohl die innere als auch die äußere Glasoberfläche während des gesamten Herstellungsprozesses ausschließlich mit Luft in Berührung kommt, bleibt ihre Transparenz erhalten. In erkaltetem Zustand längs aufgeschnitten und nach nochmaligem Aufheizen auseinandergefaltet und gestreckt, ergibt sich dann erst die flache Glastafel mit der für „mundgeblasenes Zylinderglas“ typisch unebenen, die Durchsicht leicht verzerrenden Oberfläche. Eingeschlossene Luftbläschen und feine Schlieren sind darüber hinaus charakteristische Erkennungsmerkmale dieser handwerklich hergestellten Flachgläser.

Aufnahme der flüssigen Glasmasse auf die Glasmacherpfeife
Aufnahme der Glasmasse auf die Glasmacherpfeife

Größe der Fensterscheiben ist begrenzt

Im Laufe der viele Jahrhunderte andauernden Entwicklungsgeschichte mundgeblasener Flachgläser verbesserten sich sowohl die Glaszusammensetzung als auch die Befeuerungs- und Abkühltechnik, sodass zunehmend größere Tafelformate möglich wurden. Entsprechend der menschlichen Leistungsfähigkeit hinsichtlich Lungenkapazität und Körperkraft sind den Glasformaten jedoch seit jeher natürliche Grenzen gesetzt. Die Gestaltung der Fenster und insbesondere die Notwendigkeit einer Sprossenteilung ist daher über viele Jahrhunderte hinweg geprägt von den technischen Möglichkeiten in der Glasherstellung.

Herstellung von mundgeblasenem Fensterglas in der Glashütte Lamberts
Gleichzeitiges Drehen und Blasen formt den Glaszylinder

Neue Entwicklungen verringerten Wertschätzung von Fensterglas

Mit der Entwicklung maschinell erzeugter Flachgläser (Ziehglas, Floatglas) im 20. Jahrhundert konnten erstmals von menschlicher Körperkraft unabhängige und damit ungleich größere Formate in deutlich größeren Mengen erzeugt werden. Diese lösten die Zylinderglasproduktion im Laufe der 1920er Jahre ab und veränderten sowohl das Erscheinungsbild der Fenster als auch die Wertschätzung des bis dahin recht teuren Werkstoffes Glas nachhaltig.

Glätten des mundgeblasenen Glaszylinders
Glätten des aufgeschnittenen Glaszylinders

Mundgeblasenes Fensterglas ist zur Seltenheit geworden

Nur noch wenige Glashütten haben diese traditionelle, handwerkliche Technik der Flachglasherstellung bewahrt. Eine davon ist die Glashütte Lamberts in Waldsassen. Bis heute werden dort farbige und klare Glastafeln sowohl für die zeitgenössische Glaskunst als auch für Fensterverglasungen im Denkmalpflegebereich von Hand hergestellt.

 

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