Sprossenfenster mit historischem Fensterglas im Sonnenlicht

Traditionelles Fensterglas im Denkmalschutz: Gewollte Unregelmäßigkeit

Fensterglas wie wir es heute kennen hat eine spiegelglatte, nahezu perfekte Oberfläche. Das war nicht immer so. Althergebrachte Herstellungsverfahren machten jede Fensterscheibe zum Unikat. Glasoberflächen waren unruhig und hatten einen typischen Charakter. Dieser droht heute bei Sanierungen und Nachbauten historischer Fenster verloren zu gehen. Zu oft bleibt die bewegte Glasoberfläche als gestalterisches Element im Denkmalschutz unberücksichtigt. Dabei lassen sich historisch anmutende Glasoberflächen und moderne Anforderungen problemlos verbinden.

Modernes Fensterglas wird heute zu 95 % unter Anwendung des Floatglas-Verfahrens hergestellt. Dabei wird geschmolzenes Glas in einem kontinuierlichen Prozess auf eine Fläche von flüssigem Zinn geleitet. Das etwas leichtere Glas schwimmt auf der Zinnoberfläche und breitet sich wie ein Film über dem Zinn aus. Es entsteht eine sehr glatte, fast perfekte Glasoberfläche. Bereits 1902 patentiert, wurde das Verfahren erst ein halbes Jahrhundert später zum großen Erfolg. Der Engländer Alastaire Pilkington fand 1959 einen Weg Floatglas wirtschaftlich in Serie herzustellen.

Lebendiges Spiegelbild in Sprossenfenster
Ein lebendiges Spiegelbild im Fensterglas wirkt an historischen Fassaden selbstverständlich und nicht tot

Blasen, ziehen, floaten - die Geschichte der Fensterglas-Produktion

Die moderaten Herstellungskosten und die hohe Qualität von Floatglas sind bis heute unübertroffen. Umso verständlicher ist es, dass dieses moderne Glas auch vor dem Denkmalschutz keinen Halt machte und heute in vielen Baudenkmälern wiederzufinden ist. Dabei war es zur Bauzeit der meisten Baudenkmäler (vor Mitte 20. Jhd.) technisch nicht möglich solch perfekte Glasoberflächen herzustellen.

Das wohl älteste halbwegs industrielle Herstellungsverfahren für Fensterglas ist das Zylinderblasverfahren. Es wurde um das Jahr 1200 in Frankreich für Fensterglas weiterentwickelt. Bei dieser Technik wird in reiner Handarbeit geschmolzenes Glas zu einem Ballon aufgeblasen, aus dem schließlich ein Zylinder geformt wird. Der aufgeschnittene Glaszylinder wird erneut erhitzt und mit einem Holz glattgebügelt. Es entstehen Glastafeln mit einer dezent welligen Struktur und vereinzelten ovalen Lufteinlagerungen (auch Bläselung genannt). Die typischen Eigenschaften von sogenanntem mundgeblasenem Restaurierungsglas.

Auf der Suche nach hochwertigen Fenstern für Ihr Baudenkmal? Wir vermitteln Sie kostenfrei an Fachbetriebe in Ihrer Umgebung.

Jetzt anfragen

Im 13. und 14. Jahrhundert entstand mit Butzen- und Tellerscheiben eine neue Form von mundgeblasenem Fensterglas. Die eher kleinen runden Scheiben wurden in vielen verschiedenen Farben hergestellt. So entstanden einzigartige Kunstwerke in Form von Bleiglasfenstern, die meist in sakralen oder hochherrschaftlichen Gebäuden zum Einsatz kamen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte Émile Fourcault ein maschinelles Verfahren zur Herstellung größerer Glasflächen. Bei dem nach ihm benannten Fourcault-Verfahren wird die Glasschmelze an einer Ziehdüse vertikal in die Höhe gezogen. In Abhängigkeit der Produktionsgeschwindigkeit konnten mit dem Verfahren erstmals unterschiedliche Glasdicken hergestellt werden. Der Amerikaner Irwing Colburn entwickelte das Verfahren weiter. Es gelang ihm die Intensität der Ziehstreifen und -wellen zu reduzieren. Die Pittsburgh Plate Glass Company entwickelte ein paar Jahre später eine Kombination aus beiden Verfahren und war damit erstmals in der Lage bis zu 8 mm starke Glasscheiben herzustellen.

Herstellung von mundgeblasenem Fensterglas
Die Herstellung von mundgeblasenem Fensterglas in der Glashütte Lamberts in Waldsassen

Lebendige Verglasung für Denkmalfenster

Die mit Beginn der 1920er Jahre immer großformatiger werdenden Scheiben ermöglichten Architekten neue Möglichkeiten bei der Fenster- und Fassadengestaltung. Weitere Verbesserungen hinsichtlich Scheibengröße, Qualität und Kosten erreichte man mit dem Gussglas- und dem Walzglasverfahren. Doch eines blieb bis zur Serienreife des Floatglas-Verfahrens gleich: Fensterglas hatte zu dieser Zeit eine je nach Qualität mehr oder weniger ausgeprägte wellige Struktur mit Ziehstreifen und teilweise auch mit Bläselung.

Dieses charakteristische Detail wird im Denkmalbereich heute noch zu selten bedacht. Zu sehr hat man sich an die glatte Struktur von Floatglas gewöhnt. Die Glasfläche als größter Teil eines Fensters bleibt als gestalterisches Element meist unberücksichtigt. Dabei verleihen lebendige Glasstrukturen einem denkmalgeschützten Haus wieder den eigenen bauzeitlichen Charme. Beim Blick auf die Fassade entstehen einzigartige Lichtreflektionen, die noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts allgegenwärtig waren. Auch die Betrachtung der Außenwelt beim Blick durch Zylinder- oder Forcaultglas bekommt einen ganz besonderen Reiz. Wer hindurchblickt, sieht die Außenwelt mit der Perspektive unserer Vorfahren.

Zwei weiße Holzfenster mit Restaurationsglas
Zwei einflügelige Holzfenster mit bewegtem Fensterglas

Traditionell hergestelltes Fensterglas mit modernen Eigenschaften

Erhältlich sind traditionell hergestellte Verglasungen auch heute noch. Sie können sowohl in restaurierte Fensterrahmen als auch in rekonstruierte Fenster eingesetzt werden. Selbst moderne Anforderungen wie eine gute Wärmedämmung, effektiver Lärmschutz und Einbruchhemmung lassen sich mit traditionell hergestelltem Fensterglas umsetzen.

Für ein authentisches und bauzeitlich passendes Ergebnis sollte bei der Erneuerung der Verglasung oder des gesamten Fensters in jedem Fall ein Fachexperte hinzugezogen werden. Ein mittelalterliches Fachwerkhaus mit großen unstrukturierten Fensterscheiben kann schnell befremdlich und unnatürlich wirken. Wenig authentisch sind zudem sehr breite Holzprofile der Fensterrahmen und -flügel. Sie wurden meist konstruiert um Dreifach- und Sonderverglasungen aufnehmen zu können, allerdings widersprechen sie bauzeitlichen Profilen und reduzieren den Anteil der Glasfläche. Fachexperten und Denkmalpfleger raten deshalb zu möglichst schmalen Profilen, die nicht nur unverfälscht wirken, sondern zudem noch den Wärmeschutz verbessern.

Auf der Suche nach hochwertigen Fenstern für Ihr Baudenkmal? Wir vermitteln Sie kostenfrei an Fachbetriebe in Ihrer Umgebung.

Jetzt anfragen